Herz/Kopf/Blog: „Ich kann das nicht!“ Meine Geschichte vom Scheitern.

Frau Piepenkötter I Ich kann das nicht

Rollschuh laufen, ein Rad schlagen, mit Anhänger fahren, surfen, schnipsen und vieles mehr sind alles Dinge, die ich nicht kann. Herr im Himmel, ich weiß noch nicht mal, wie man schnipsen schreibt…. Die Reihe der Dinge die ich nicht kann, ist schier unendlich. Würden wir für Alles und Jedes das ich nicht getan, meist nicht mal versucht habe, weil ich es „nicht kann“ eine Kerze anmachen, so würde sich die Lichterkette des Versagens wahrscheinlich um den ganzen Erdball ziehen. Übertrieben? Ich fürchte nicht.

Als ich so 16, 17, 18 war, da habe ich ganz großartige Pläne gemacht. Sozusagen die lebenslange Bucketlist. Das ist ja so, wenn man Stück für Stück die Verantwortung für das eigene Leben und dessen Gestaltung übereignet bekommt und man das Gefühl hat das Recht und die Mittel zu besitzen (oder besitzen zu können) um aus diesem Leben alles herauszuholen, was man will. Ich kriege nicht mehr ganz zusammen, was auf meiner Liste im Detail stand, aber ich weiß das Motorradfahren, Wind- und Kitesurfing, Journalistin werden, weite Reisen (auf jeden Fall in die USA), einmal im Ausland leben und ein eigener Roman auf jeder dieser Listen standen.

Und was hab ich so erreicht in diesem Leben?

Tja. Haltet euch fest: Keinen einzigen dieser damals existentiell wichtigen Punkte habe ich erreicht. NULL! Nicht das ich es immer so garnicht versucht habe. Das mit dem Journalismus zum Beispiel. Ich habe mit 20 meine unbefristete Stelle bei der Sparkasse in den Wind geschossen, bin ein Jahr jobben und zur Fachoberschule gegangen um mein Fachabi zu machen, habe mit Redaktionen bezüglich Praktika gesprochen und ein Studium angestrebt um danach ganz groß in den Journalismus einzusteigen, aber am Ende fehlte mir dann doch der Mut es einfach durchzuziehen. Die Angst zu scheitern überwog alles. Immer.

Irgendwann kam dann dieses echte Leben,du triffst nicht jede Entscheidung allein, sondern manchmal entscheidet das Schicksal mit (oder allein) und dann vielleicht einmal ein Partner, weil man sein Leben und dein Leben ganz einfach zu einem gemeinsamen zusammengeworfen hat. Und all diese Dinge, die du mit deinem Leben vor hattest, rücken in den Hintergrund und machen anderen scheinbar vordringlicheren Lebenszielen Platz. So zumindest war das bei mir. Und wieder auch nicht, denn viele meiner Ziele hätte ich sehr wohl realisieren können. Der Mann fährt Motorrad, jahrelang urlaubten wir mit dem Dach voller Surfbretter an einem der (für mich) schönsten Surfspots Spaniens. Warum habe ich werder das eine noch das andere ernsthaft verfolgt? Warum habe ich nie ein Instrument gelernt oder auch das schnipsen? Ganz einfach: Ich habe es einfach nie versucht!

„Ich kann das nicht“ ist mein über Jahrzehnte verinnerlichtes Credo. Ich weiß schon, dass ich Dinge nicht kann, ohne sie je einmal versucht zu haben.Und wenn ich Dinge ausprobiere und sie nicht auf Anhieb kann, verwerfe ich sie sofort. Manche Dinge von denen ich glaube sie zu können, mache ich nicht, weil ich Angst habe feststellen zu müssen, das ich sie doch nicht kann. Das ich nichts kann. Nicht wirklich. Und dabei weiß ich tief in mir drin schon längst: Das, was ich wirklich ganz und gar nicht kann ist nicht schnipsen oder Blockflöte (okay, Blockflöte vielleicht auch). Aber: Was ich nicht kann, ist scheitern.

An der Angst vorm Scheitern gescheitert

Es ist ja direkt ein bisschen peinlich, wenn man sich und euch das jetzt so eingesteht. Das ich aus Angst vorm Scheitern lieber meine Träume und Wünsche hinten rüber fallen lasse. Das mein Anspruch an mich selbst so hoch ist, dass ich quasi sofort Perfektion abliefern muss, nur um auf der anderen Seite wieder so niedrig zu sein, dass ich lieber sofort aufgebe, als mich auch nur ein bisschen zu bemühen. Das ich keinen Biss habe. Keinen Mut.

Wenn ich heute als Mutter von zwei Kindern meinen Töchtern also große Vorträge halte, dass sie nicht wissen können, ob sie etwas können und das es nicht immer einfach ist und man sich auch mal schlauchen muss (das ist quasi ein tastesheriff Zitat), dann bin ich eine Hochstaplerin besonderer Güte. Zeit meines Lebens habe ich mich in dieser Hinsicht frei von Stress, Anstrengung und Frust gehalten in dem ich mein schönes, großes, wetterfestes „Ich kann das nicht“ Schild vor mir hertrug und mir bei Bedarf über den Kopf zog.

Jetzt, mit fast 40 und in Zeiten in denen Frauen wie Juli Pott meine Welt mit Aktionen wie #teamtrotzdemmachen bereichern schaue ich auf all diese großen und kleinen Ideen und Träume, die von damals, die von heute, und bin traurig. Du kannst es nämlich drehen und wenden wie du willst: Ich hab nur dieses eine Leben und ich habe schon sehr viel Zeit darauf vergeudet mich selber klein zu machen und das zu tun, was andere von mir erwarten oder was ich ihnen als Erwartungshaltung an mich quasi in den Mund lege. Und ist diese Vergeudung nicht auch irgendwie ein Scheitern? War meine Aufgabe im Grundsatz und die, die ich mir selbst als junger Mensch formulierte nicht die, alles aus diesem Leben rauszuholen? Meine Zeit hier ist endlich. Sollte ich dann nicht auch ENDLICH damit anfangen, mal ein bissschen Gas zu geben und meine Träume umzusetzen statt nur so dahin zu leben? Auch wenns nicht einfach wird? Ich denke ja. Ich hab schon viel zu viel zeit vergeudet. Was aber wenn…

Und nun, Frau Piepenkötter?

Was mach ich nun mit dieser Erkenntnis? Kitesurfen gehen? Ach kommt, ich bin fast 40 und schnaufe schon nach 2 Etagen Treppen als wäre ich gerade Marathon gelaufen. Ich möchte mir garnicht ausmalen wie ungelenk und überfordert ich an so nem Ding hängen würde. (Ja, ihr merkt richtig: Ich kann nicht aus meiner Haut!) Aber vielleicht muss ich all diese Dinge, die da seit langem oder kurzen in meinem Kopf und auf meiner Liste stehen mal durchgehen und auf Aktualität überprüfen, um die verbleibenden dann einfach mal anzugehen. Was denkt ihr? Und wie ist das bei euch überhaupt? Macht ihr euch eure Träume wahr?

Liebste Grüße,

Vanessa

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9 Comments

  • Reply
    Chrustine
    10. Mai 2018 at 13:56

    Toll geschrieben! Ich bin mir sicher Du schaffst es, einige Dinge von deiner Bucketlist zu verwirklichen! Denn du hast recht, es gar nicht erst zu versuchen, ist scheitern! Frei nach Konstantin Wecker : es geht ums tun und nicht ums Siegen! Liebe Grüße von Christine

  • Reply
    Einfach Stephie
    10. Mai 2018 at 13:57

    Liebe Vanessa,
    gerade gestern erst bin ich selbst über das Thema „Weniger Selbstkritik, mehr Selbstliebe“ gestolpert und musste mir Luft machen darüber, dass wir viel zu streng mit uns selbst umgehen. Was wir anderen gönnen, lassen wir uns selbst eher schlecht durchgehen. Eigentlich ist das doch vergebene Lebenszeit. Denn wir sollten uns zwar unseren Ängsten stellen, aber uns lieber auf das konzentrieren, was gut läuft und uns Spaß macht. Völlig egal, ob du schnipsen oder ein Rad schlagen kannst… und das mit dem Studium geht auch jetzt noch, wenn dir daran liegt. Ich selbst bin derzeit dabei, mit Mitte 40 Journalismus zu studieren – von zu Hause aus! Vllt magst du mal meinen Beitrag zum Thema Selbstkritik lesen: https://einfachstephie.de/weniger-selbstkritik-mehr-selbstliebe/
    Über das Studium habe ich übrigens auch mal geschrieben („Warum ich mit Mitte 40 noch ein Studium beginne“).
    Freue mich über weiteren Austausch.
    LG, Stephie

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      10. Mai 2018 at 13:59

      Oh, da schau ich gleich mal! ❤️

  • Reply
    Ulrike
    10. Mai 2018 at 14:28

    Hallo Vanessa,danke für den absolut tollen Artikel zum Thema „Scheitern“.Du bringst genau auf den Punkt,was auch mir ständig im Hinterkopf rumschwebt.So vieles hab ich gar nicht erst versucht oder sofort wieder hingeschmissen…und nun bin ich schon 45 und fasse erst jetzt den Mut,Dinge ohne allzuviel Angst einfach anzupacken! Zumindest weiß ich jetzt,dass ich nicht die Einzige bin,der es so ergeht(hab viel zu oft das Gefühl,von perfekten Menschen umgeben zu sein,die immer zielstrebig alles richtig machen und jede Chance furchtlos ergreifen…). Und übrigens:Auch ich wollte mal unbedingt Journalistin werden! 😀 Ganz liebe Grüße;Ulrike

  • Reply
    Frauke
    10. Mai 2018 at 18:54

    Liebe Vanessa, nach diesem Post musste ich doch nochmal zurückblättern und die Bestandsaufnahme für deine Kur durchschauen…. es sei dir gesagt, vielleicht hast du nicht das Kitesurfen gelernt und das Schnipsen geht dir nicht leicht von der Hand (Brüllerwortspiel), aber die Bucketliste, die dir das Leben mitgegeben hat, die hast du doch mutig angenommen und dich dieser gestellt. Von Scheitern kann da keine Rede sein, wie ich finde, vielmehr von Stärke, Kraft, Wagemut und Durchhaltevermögen. Kommt ein bisschen auf die Perspektive an🤗 Liebe Grüße Frauke

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      10. Mai 2018 at 18:56

      Das sind aber liebe Worte! Dankeschön ❤️ Ich denke, die Kur hat viel gesät, was jetzt wächst !

  • Reply
    Gabi
    11. Mai 2018 at 15:13

    Wow…welch toller Beitrag…mitten aus dem Herz in das Herz…bei mir jedenfalls!
    Sei herzlich gegrüßt von Einer die Vieles (nicht) kann und oft mehr Schiss als Verstand hat
    Gabi

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      11. Mai 2018 at 15:14

      Schwestern im ( Schisser-) Geiste 🤣❤️

  • Reply
    Frau Piepenkötter I Britta Gädtke I Liebe im Glas I Gurkensirup
    12. Mai 2018 at 15:08

    […] wieviele von euch sich auf den unterschiedlichsten Wegen bei mir gemeldet haben, nachdem sie meinem letzten Post zum Scheitern gelesen haben. Mir bedeutet es iel, zu wissen, das ich mit diesem Gefühl oder diesen Gefühlen […]

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