Frau Piepenkötter auf Kur: Vom Stress und schattenwerfenden Gedanken!

Frau Piepenkötter i Auf Kur

Ihr wisst ja nun schon, warum ich zur Kur gefahren bin, ihr habt die Anreise quasi miterleben können und ich habe auch schon ein bisschen was zum Thema Selbstfürsorge für mich und für euch ausformuliert. Fehlt noch ein bisschen und damit wir voran kommen und das Thema dann irgendwann zumindest hier abschließen können, mache  ich heute mit der Stress und der lieben Psyche weiter.

Kur für den Kopf

Zweimal im Leben ist es mir nun schon passiert, dass mich jemand gefragt hat, wie es mir geht und ich plötzlich und unkontrollierbar angefangen habe zu heulen. Einmal in meiner Ausbildung zur Erzieherin und einmal beim Aufnahmegespräch mit dem psychosozialen Dienst der Kurklinik. Eigentlich ist das so gar nicht mein Style, aber wenn der Zeitpunkt passt und ich jemanden gegenüber habe, für den ich nichts bagatellisieren muss, weil er maximal außenstehend ist, kann das ganz offensichtlich passieren.

Es ist bei Leibe nicht so, dass ich in irgendeiner Weise schwer geschädigt oder in desolatem Gemütszustand war, es war nur alles einfach ein bisschen VIEL. Ich sagte das ja schon.

Ich habe mich auf die Möglichkeit der Gespräche mit einem Psychologen wirklich gefreut und auch ein bisschen auf die Stressbewältigungsgeschichten. Eigentlich habe ich ja ganz gern Stress, aber so ein bisschen Yoga, dachte ich, schadet ja niemandem. Nun denn.

Stress & Essverhalten

Hatte ich schon den Schwank mit der Größe erzählt? Wo mich die MTA maß und ich plötzlich 5cm kleiner war als auf dem Personalausweis? 5cm die den Unterschied machen. Den Unterschied zwischen einem BMI im Übergewicht und einem BMI im Bereich Adipositas Grad1. Der Arzt sagte mir, dass das nun gar nicht schwerwiegend sei (haha!) und ich mir um Gewicht keine Gedanken machen solle. Trotzdem bot er mir an, statt des Programms „Stressbewältigung“ das alternative Programm „Stress- und Essverhalten“ zu besuchen. Ich griff zu.

Das besagte Programm bestand aus mehreren Vorträgen, die sich dank Frau Jansen sehr unterhaltsam und einprägsam gestalteten. Es ging um Selbstreflexion, erlerntes Essverhalten, Stressreduktion, ausgewogene und gesunde Ernährung und die Sanierung des Selbstwerts. Darüber hinaus wurden wir  vom Team der Ernährungstherapie darin geschult, das Gute vom Schlechten zu unterscheiden und das BESTE zu bevorzugen. Es gab eine Buffet-Schulung, welche mit einem einfachen System („Essen nach Ampelfarben“) möglich machte, sich in den Essenzeiten bewusst zu machen, was zu bevorzugen ist (oder wäre). Wir haben über die gängigen Diäten gesprochen und einige Mythen wurden enttarnt. Aber zum Thema Ernährung wird es nochmal einen Extrapost geben. Vorweg sagen kann ich schon mal, dass sich (ich hoffe das bleibt so) einiges durch diese Vorträge bei mir verändert hat. Und das ich auf der Kur 2 Kilo zugenommen habe…..

Psychotherapeutische Einzelgespräche

„Einmal jemanden vor sich sitzen haben, der sich den ganzen Kram anhören MUSS! Das wäre ein Traum. Jemand der einfach die Gesundheitskarte durchzieht und freundlich lächelnd nickt, während ich ihm erzähle, was ich so denke und fühle!“ Das habe ich vor der Kur gesagt und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Eher meilenweit übertroffen.

In der ersten Stunde schaute die Therapeutin auf meinen Zettel (den musste ich vor der Kur ausfüllen und zuschicken) und griff ein Thema auf, welches auf meiner Prioritätenliste sehr weit unten stand. Ich wurde unruhig. Ich hatte schließlich so ein, zwei Themen in petto die mir echt auf der Seele brannten. Und trotzdem erzählte ich. Ich dachte, wenn wir das zackig abhaken, können wir mit den wichtigen Sachen weitermachen. Sie stellte ab und zu mal eine kleine Nachfrage, schaute mich an, ich erzählte. Und erzählte. Und erzählte.

Als das erste 40minütige Gespräch beendet war, ging ich raus und stellte zwei Dinge fest:

1. Ich hatte überhaupt nicht über das gesprochen, über das ich sprechen wollte.

2. Das war auch gut so.

Dieses kleine Problem war zwar vergleichsweise klein zu den anderen Themen, aber es war ein Problem. Etwas von dem ich nicht wusste, wo es her kam und etwas das meinen Alltag nicht beeinträchtigte, aber auch einfacher machte. Am Ende der Sitzung war es nicht gelöst, aber enttarnt. Ich wusste, wodurch es verursacht wurde und allein dieses Wissen ließ den ganzen Summs schon ein ganzes Stück kleiner werden, bröckeliger und unwichtiger.

In den folgenden Sitzungen starteten wir eigentlich immer mit der Frage, wie es mir denn jetzt gehe, seit dem letzten Gespräch und mehr brauchte es nicht. Ich redete, redete, redete und wie von Zauberhand kamen wir nach und nach zu allen Themen, die mich so beschäftigten. Wenn ich jetzt drauf gucke, nach 4 Terminen, sehe ich, dass das alles ein bisschen wie eine Lichterkette für den Tannenbaum war. Es waren zwar mehrere Knotenklumpen im Kabel, aber letztlich führte eins zum anderen und konnte auch nur so aufgedröselt werden. Jetzt gerade fühlt es sich für mich so an, als ob meine Lichterkette entwirrt ist und auch so, dass ich keine Angst vor neuen Knotenklumpen haben muss. Ich kann damit umgehen. Zusätzlich zu den Einzelgesprächen besuchte ich auch noch einen Vortrag zum Thema „Ängste“, der nicht von ungefähr mit meinen Einzelgesprächen und auch der ganzen „Stress & Ess“ Geschichte toll ineinander griff. Fast ein bisschen ärgerlich, dass ich so lange damit gewartet habe, eine Kur zu machen oder mal einen Psychodingsbums zu sprechen. Obwohl…..streicht das „fast“.

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Wo bleibt denn die Entspannung?

„Haben sie alles was sie brauchen? Fühlt sich alles richtig an? Entspricht alles ihren Erwartungen?“ Ich weiß gar nichts wie oft ich das gefragt worden bin. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir was auferlegt wurde oder vordiktiert. Nichts fühlte sich ausweglos an. Trotzdem war ich anfangs unzufrieden. Ich war doch zur Entspannung und Stressbewältigung hier, nicht wahr? Und warum habe ich dann weder Yoga noch Progressive Muskelentspannung oder ähnliches? Wo bleibt den die Entspannung? Wann ist der Termin? Ich fragte nach.

„Sie sind für sowas noch nicht bereit!“ Uff. Zum dritten Mal in Folge erzählte mir ein Arzt etwas von einem dauerhaft hohen (zu hohen) Adrenalinspiegel. Man sagte mir, das ich vermutlich durchdrehen würde, wenn man mich irgendwo auf ne Matte legen und zu Ruhe verdonnern würde. Und das wo ich doch möglichst schnell möglichst viel solcher Sachen machen wollte um möglichst schnell möglichst hochgradig entspannt zu sein. Verrückt! Um runter zu kommen, solle ich laufen/gehen. „Laufen sie es raus! Bis zur Erschöpfung!“ Okay, damit kann ich ja arbeiten. Also möglichst schnell möglichst viele Schritte. Dann vielleicht auch ne ordentliche Gewichtsabnahme..das sollte doch zu machen sein….mindestens 5 Kilo…mindestens 20.000 Schritte täglich…und ich lief.

Ein bisschen hatte es was von „Forrest Gump“ und in der Rückschau ist es mir ein bisschen peinlich, denn ich habe die ersten Tage wirklich eine astreine „arme Irre“ Performance abgeliefert und bin  in jeder freien Minute gelaufen. Oft einfach nur im Kreis ums Haus, da ich Zeit zwischen zwei Terminen überbrücken musste. Da kam ich dann auch gut und gerne 10  mal am Speisesaal vorbei, während die „frühe Gruppe“ beim Mittagessen saß…. Aber mit der Zeit wurde ich ruhiger. Ein bisschen zumindest und da ich viel viel viel Zeit für Gedanken hatte, wurde mir auf einmal klar, wie zwanghaft ihr da doch schon unterwegs war. Schneller. Fertig werden. Zack. Mehr. Nächstes.

Fazit

Ich habe unterschätzt, wie hilfreich es sein kann, mit jemandem Außenstehenden zu sprechen, der wertfrei und objektiv zuhört und hilft, die Selbstreflexion anzuregen oder auf eine andere Ebene zu bringen. Das hat irre gut getan.

Ob ein Problem ein Problem ist, darf man ruhig ganz subjektiv entscheiden. Was dich belastet, ist nie unwichtig, egal wieviel größer die Probleme der anderen sind.

Auch wenn ich schon vor der Kur gesehen habe, dass ich da ein bisschen runterkommen muss, habe ich ganz und gar nicht gesehen, in wie sehr ich „auf Adrenalin“ war ( und noch bin). Sobald der Stress nachlässt, suche ich neuen Stress und alles wird bei mir zu einem Wettkampf. Meistens gegen mich selbst. Wann bin ich so geworden?

Was das immerwährende Scheitern an von Beginn an zu hohen Ansprüchen an mich selbst mit meinem Selbstwert macht, könnt ihr euch ausmalen. In Schwarz und Grau.

Ich habe also noch Baustellen, aber ich habe auch die Gewissheit, dass ich alles in mir trage, was ich zur Bewältigung dieser Baustellen benötige. Ein gutes Gefühl.

Ich weiß, dass das Thema „psycho“ gern mal den Stempel „bekloppt“ bekommt. Das ist einfach nur falsch. In der heutigen Zeit ist es richtig und wichtig, auf die Seele genauso Acht zu geben und sie genau so zu pflegen, wie den Körper. Und ich denke, es ist besser die Probleme gar nicht erst so groß werden zu lassen, dass sie Schatten werfen können.

Falls der ein oder andere vielleicht noch Fragen zum Thema hat, die nicht öffentlich in Kommentarspalten oder sonst wo gelesen werden sollen, kann ich das verstehen.  Wenn es um reines Interesse an meiner Erfahrung geht, kontaktiert mich gern unter vanessa@frau-piepenkoetter.de. Wenn ihr ein spezifisches Problem habt, für dass ihr gern mal jemanden qualifizierten zum Reden hättet, schaut euch doch gern mal hier um. Bei DAJEB findet ihr Beratungen zu allen möglichen Themen, die euch kurzfristig und unkompliziert weiterhelfen können.

So, ich geh jetzt mit dem Hund. Ich will ja meine 15.000 Schritte schaffen. Beim nächsten Mal gehts dann um den Körper, okay? Zieht euch schon mal die Badehosen an!

Liebste Grüße,

Vanessa

 

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9 Comments

  • Reply
    Julius
    8. April 2018 at 15:32

    Ich lese deine Postings zur Kur mit großem Interesse. Vor allem, weil mir viele Gedanken, die du formulierst, bekannt vor kommen. Bislang habe ich nie ernsthaft in Erwägung gezogen, mal eine Kur zu machen, aber vielleicht wäre das für mich auch sinnvoll. Ich bin gespannt, was du noch zu deinen Erfahrungen schreibst.

    Liebe Grüße
    Julius

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      9. April 2018 at 13:28

      Ich glaube man nutzt das viel zu wenig! Sehen wir es einfach wie die Inspektion beim Auto. Vorsorge ist besser als Nachsorge. Oder wir Sebastian Kneipp einst sagte:“ Wer nicht jeden Tag etwas für seine Gesundheit tut, wird eines Tages viel Zeit der Krankheit opfern müssen!“

  • Reply
    Sandra
    8. April 2018 at 20:19

    Danke für deine Offenheit! Diese Erkenntnisse zu haben und sie dann noch zu teilen, kann für uns als Leser beinahe so wichtig sein wie für dich.
    Ich erwische mich bei so manchem „Siehste“ und „Aha“…

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      9. April 2018 at 13:24

      Das freut mich ❤️

  • Reply
    Désirée
    8. April 2018 at 22:53

    Danke für deine Offenheit. Wenn immer mehr Menschen denken und auch sagen, dass psychische Gesundheit so wichtig ist wie physische, dann verlieren psychische Erkrankungen hoffentlich irgendwann ihr Stigma – bei Nicht-Betroffenen und bei den Betroffenen selbst.
    Ich freue mich schon auf den nächsten Artikel!

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      9. April 2018 at 13:24

      Ja, dass wäre was. Hab vielen Dank für die lieben Worte!

  • Reply
    Daniela Uchtdorf
    9. April 2018 at 10:47

    Ich war in der gleichen Kurklinik wie du und genauso begeistert. Manchmal muss man auch nur mal etwas von Jemandem „Professionellen“ hören, was man eigentlich schon weiß oder ahnt. Für mich war es in der ersten Sitzung:“ Schauen Sie doch mal auf das zurück, was Sie schon alles gemeistert haben. Machen Sie sich keine Sorgen um ungelegte Eier. Was kommt, kommt sowieso, ob Sie sich heute darum Sorgen oder dann wenn es soweit ist. Es gibt immer eine Lösung.“ Das hat mir sehr geholfen und Zukunftsängste weniger gewaltig erscheinen lassen.

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      9. April 2018 at 13:23

      Das freut mich, dass du mir zustimmst. Ich glaube aber auch, kur kann auch immer nur so gut sein, wie du es zulässt. Dann waren wir zwei wohl offen und bereit!

      • Reply
        Daniela Uchtdorf
        10. April 2018 at 13:03

        Ich war schon entspannt als ich die Zusage von der Krankenkasse in der Hand hielt ;o)

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