Frau Piepenkötter auf Kur: Das glitzernde Einhorn „Selbstfürsorge“!

Frau Piepenkoetter I Selbstfuersorge

Ich habe mich dazu entschlossen, erst einmal die Selbstfürsorge an sich hier zu thematisieren. Um mich mit einem Thema anständig auseinandersetzen zu können, muss ich erst einmal wissen, was es ist, oder? Und so ist das auch mit der Selbstfürsorge.

Ich sagte ja bereits, dass ich quasi nichts darüber weiß und mittlerweile glaube ich auch zu wissen, dass es für jeden etwas anderes bedeutet. Allein die Ausgangslage ist ja schon total individuell. Und leider verwässert die häufige Präsenz eines solchen Begriffes in unterschiedlichsten Berichterstattungen oft auch den Kern der eigentlichen Aussage. Wir binden einen Begriff an bestimmt Bilder, die wir damit verknüpfen und  schlaue Menschen verknüpfen diese Bilder mit Produkten, Aktionen und Lebensweisen die wir dafür zu brauchen. Möchte man uns glauben machen.  Schnell gibt es das passende Duschgel, den Badezusatz und die richtigen Frühstücksflocken für mehr Selbstfürsorge und deinen gesünderen Lebenstil und/oder dir wird klar, dass du Selbstfürsorge nur erreichen kannst, wenn  du in elastischer Breitbundhose in einem Raum mit Wischtechnik und Räucherstäbchen sitzt und deine Beine für nur 78 Euro fünfundneunzig hinter deinen Kopf zu biegen versuchst. Das kann es  nun wirklich nicht sein.

Und darum sei auch hier gesagt, dass alles was ich euch hier heute an Gedanken präsentiere allein für meine Selbstfürsorge gilt. Der erste Schritt den ihr tun könnt um besser für euch selbst zu sorgen, ist einfach mal, ganz kostenlos und ohne Vereinsmitgliedschaft oder aufwendige Ausrüstung, darüber nachzudenken, was euch gut tut und was ihr vielleicht mehr oder eben auch weniger tun solltet um euch selbst gesund und glücklich werden zu lassen oder zu erhalten. Mir sind bei diesen Überlegungen drei ganz grundlegende Probleme ins Auge gefallen, die ich ansprechen will, bevor ihr euch Gedanken in die (in meinen Augen) falsche Richtung macht.

Über Selbstfürsorge und Selbstfindung

Man sagt ja Frauen am Ende ihrer 30er oder in den frühen 40ern gern eine Neigung zu sogenannten Selbstfindungstrips nach. Da wird der Kleidungsstil geändert, unter Umständen der Mann gewechselt, man verbiegt sich nicht mehr um der Schwiegermutter zu genügen, sondern dehnt sich beim Pilates. Manche fangen an schrecklich hässliche Bilder zu malen (denn die wenigsten haben ebenso viel Talent wie Motivation), wollen plötzlich italienisch lernen und nehmen den Klavierunterricht den ihnen die eigenen Eltern als Kind versagt haben. Das alles und viel mehr oder auch weniger kann der Selbstfindung oder der Selbstneuerfindung dienlich sein und ebenso auch Teil von Selbstfürsorge sein, muss es aber nicht. Und ich verbitte mir für euch und von euch für andere diese beiden Begriffe sorglos miteinander in den selben Topf zu werfen.

An meinem Beispiel gesprochen, weiß ich nämlich ziemlich genau wer ich bin und was ich will (auch wenn ich mich manches nach wie vor nicht traue), ABER Selbstfürsorge ist für mich viel mehr notwendig um dieses gefundene Selbst auch erhalten zu können. Gesund und glücklich. Wenn ich davon spreche, dass ich besser für mich sorgen will, meine ich nicht asymetrisch geschnittene Hanfkleidung, einen jugendlichen Liebhaber und Klangschalentherapie.

Über Selbstfürsorge und den Egotrip

„Immer hat er alles mich machen lassen. Damit ist jetzt Schluss. Jetzt ist er dran!“ Gemeint: der Partner. Ersatzweise die Kinder. Die Eltern. Die Kollegin.

Das Bedürfnis oder die Idee der Selbstfürsorge keimt nicht selten zu einem Zeitpunkt der absoluten Überforderung in uns auf. Manchmal kommt sie nicht mal von uns selbst, die wir in einem Tunnel stecken, sondern der Arzt, die beste Freundin oder jemand anderer bringt uns mit „Du musst auch mal an dich denken!“ auf diese gefährliche Fährte. Und, da nehm ich mich nicht aus, im ersten Augenblick da denkt man lauthals „JA !!!!!“ und im zweiten Gang dann „Die sollen ihren Scheiß mal schön alleine machen!“. Richtig? Ja. Falsch? Ich denke auch.

Meine Gedanken zu dem Thema haben mich zu zwei Erkenntnissen gebracht. Zum einen trägt niemand anderes die Schuld daran, wenn ich mich nicht um meine Gesundheit und meine Bedürfnisse kümmere, als eben ich selbst. Wie das Wort eben schon sagt. Mein Mann und meine Kinder haben einfach dankend angenommen, was ich ihnen angeboten habe. Entlastung. Die waren quasi schlauer als ich, denn sie haben mein immerwährendes Angebot angenommen und eher zu früh als zu spät Hilfe und Unterstützung zugelassen. Sie haben sich vielleicht auch ein bisschen zu stark daran gewöhnt, aber letztlich war das ja auch die Bestärkung meiner eigenen Unersetzlichkeit. Als Mutter. Partnerin. Mensch. Selbst schuld.

Ich glaube, und ich möchte an dieser Stelle nochmal sagen, dass ich in dieser Hinsicht keinesfalls qualifiziert bin, dass wir den Mangel an Selbstfürsorge keinem anderen anlasten können, als uns selbst und auch nur wir können das ändern. Wir ändern das aber nicht, in dem wir alle Arbeit und Verantwortung von uns abwerfen und auf die anderen Beteiligten kippen, sondern vielmehr in dem wir das alles thematisieren und schauen, wie sich die anfallende Belastung auf alle Schultern gleichmäßig und angemessen verteilen lässt. Mir wird es niemals etwas helfen, wenn ich ab jetzt gepflegt die Füße hochlege und den Mann an meiner Seite im Alltag ausbrennen sehe. Denn Selbstfürsorge ist nicht nur eine vermeindliche Aufgabe für Frauen /Mütter Ende 30, sondern für alle Menschen. Alle.

 

Frau Piepenkoetter I Selbstfuersorge

Selbstfürsorge und Selbstverarschung

Es ist mir, das kann einmal passieren, kein besseres Wort dafür eingefallen. Der geneigte Leser/ die geneigte Leserin möge mir verzeihen. Aber auf der anderen Seite ist Selbstverarschung als Wort so plakativ und konfrontativ, dass es wiederum fast kein besseres Wort gibt, für das, was aus Selbstfürsorge derweilen gemacht wird. Denn Selbstfürsorge, das weiß ich auch, ist ja gerade der heiße Scheiß. Überall liest man es und wird belehrt und informiert wie es geht und was man machen muss. Fast als hätten die Menschen vergessen, dass es noch Hygge gibt.

Selbstfürsorge, ich kann es nicht oft genug sagen, ist für euch etwas ganz anderes als für mich, denn jeder Mensch braucht etwas anderes. Körperlich wie seelisch. Man kann Selbstfürsorge nicht an einem Dienstagabend im April „machen“ und abhaken, wie man sich eine Grippeschutzimpfung holt. Und Selbstfürsorge ist auch nicht (zumindest meist) nicht von deinen finanziellen Umständen abhängig. Ganz klar wurde das für mich nochmal als ich bei Twitter folgenden Tweet von Nora Imlau las:

„Selbstfürsorge heißt für mich nicht Schaumbäder und Pralinen. Sondern die Prioritäten in meinem Leben so zu setzen, dass es mir im ganz normalen Alltag gut gehen kann: durch genügend Schlaf, leckere gesunde Mahlzeiten, Pausen, gute Gespräche, Zeit für mich. So gut es halt geht.“

Diese „Schaumbäder und Pralinen“ brachten mich darauf, dass es Menschen geben wird, die glauben werden,  selbstfürsorglich mit sich umzugehen, wenn sie das passende Produkt vom Badezusatz bis zur Vitamintablette durchführen oder einnehmen. Diese Menschen werden froh sein, dass es sowas gibt und sie „endlich mal was für sich getan haben“ , wo sie doch keine Zeit haben mehr oder anderes für sich zu tun oder gar nur darüber nachzudenken, was sie gern tun würden. Jetzt wo ich das schreibe, wird mir bewusst, dass es mich so aufregt, weil ich genau der Mensch war (und ein bisschen noch bin). Der glaubt er könne den Burn-out mit „Sinfonie der Sinne“ wegbaden. Und das ist leider (in den aller meisten Fällen) einfach von Grund auf falsch!

Selbstfürsorge braucht keine Industrie, sondern Erkenntnis. Und weil ich diese Erkenntnis eines Tages hatte, aber mir nie Zeit nahm, diesen Gedanken lange genug zu denken, habe ich das für mich einzig richtige getan und habe eine Kur beantragt. Wir dürfen mich als (mittel)schweren Fall betrachten.

Das lass ich jetzt so stehen.

Liebste Grüße,

Vanessa

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1 Comment

  • Reply
    Lieblinks #2 • Edition ELTERN
    6. April 2018 at 15:24

    […] Die Frau Piepenkötter ist auf Kur. Wer sich mal durch ihren Blog klickt, erfährt auch warum. Und jetzt lässt sie uns an ihrer Kur ein wenig teilhaben. Diese Woche: Selbstfürsorge. Sie schreibt: „Man sagt ja Frauen am Ende ihrer 30er oder in den frühen 40ern gern eine Neigung zu sogenannten Selbstfindungstrips nach. Da wird der Kleidungsstil geändert, der Mann gewechselt, und manche fangen an schrecklich hässliche Bilder zu malen (denn die wenigsten haben ebenso viel Talent wie Motivation) oder wollen plötzlich italienisch lernen.“ Tja, und nun auch sie? Ein erfrischend offener und vernünftiger Text über  „Das glitzernde Einhorn Selbstfürsorge“ […]

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