Persönliches

Was ich noch sagen wollte…. zum Thema #bodyshaming!

Bodyshaming und Bodypositivity

Anfang Juni habe ich euch hier etwas zum Thema #bodypositivity geschrieben und gleichzeitig den Begriff #bodyshaming genannt. Darauf will ich heute mal ein Stück weit mehr eingehen.

Kurz nachdem ich angefangen habe, mich ganz bewusst mit mir und meinem Verhältnis zu meinem Körper  auseinander zu setzen, habe ich nämlich ein Erlebnis gehabt, dass mich mit meiner großen Klappe und dem Entschluss etwas zu ändern gleich ziemlich hart auf die Probe stellte. Auf dem achtzigsten Geburtstag meiner Oma.

Der Geburtstag kam ein paar Tage nach dem ich meinen ersten Blogpost zu diesem Thema beschlossen hatte. Also nicht nach der Veröffentlichung, aber so während des Formens und Aufschreibens. Ich war bis an die Hutkrempe voll Motivation mein Denken zu ändern, meine Sicht auf mich selbst und meinen Körper und so beschloss ich, dass all diesem Denken nun auch Taten folgen sollten und ich zog statt einer weiten Bluse zur langen Jeans (an einem knallheißen Tag) ein enganliegendes Tshirt und einen knielangen ausgestellten Chambray-Rock an. Ich mag mich nicht in Röcken, aber den Rock mochte ich sehr wohl und in Kombi mit dem schlichten weißen Tshirt mit Rundhalsausschnitt und den weißen Ballet-Lace-Chucks fand ich das sehr schön und zog es einfach an. Was soll dir damit auf Omas 80. denn auch passieren?

Weitgefehlt, denn ein bisschen später an diesem Tag konnte ich drei männliche Mitglieder meiner Familie sehen, wie sie sich über ein Handy gebeugt köstlich über etwas zu amüsieren schienen. Und meine Tochter bestätigte mir dann, ohne das ich danach gefragt habe, das man ein Foto von mir gemacht hat. Wie ich im Gartenstuhl sitze und mein Tshirt vorne Wellen schlägt wie beim Michelin-Männchen. Das stimmte natürlich. Ich bin alles andere als schmal, zierlich oder drahtig. Und wenn ich nach dem Essen im Gartenstuhl abhänge, dann schlägt das Wellen. Nicht in der internationalen Berichterstattung, aber eben am Bauch. Das Michelinmännchen- dafür brauchte man dank dem weißen Tshirt nicht einmal viel Fantasie. Und was nun?

Es waren da ungefähr zwanzigtausend Gedanken gleichzeitig in meinem Kopf. Ich war getroffen. Verunsichert. Wie reagieren? Was macht denn da Sinn? Was zur Hölle sagt man, wenn man ihnen den Wind aus den Segeln nehmen will, wenn man zeigen will, dass das vom Grundsatz her falsch ist was sie da tun? Wenn man sich nicht auf die “Gleiches mit Gleichen vergelten” Ebene herablassen will? Pädagogisches Roulette in meinem Kopf und dann habe ich einfach alles auf Schwarz gesetzt.

“Ja, dass ist ein Bild von mir. Das bin ich. So sehe ich aus!”

Das habe ich gesagt. Weil mir nichts besseres einfiel. Bis heute ist mir die Patentlösung für solche Situationen nicht klar. Und ich hab da sehr viel drüber nachgedacht. Glaubt mir. Gewirkt hat es trotzdem irgendwie. Sie haben das Handy weggepackt und so ein bisschen betreten “Ja. Ja.” gesagt und das Thema gewechselt. Ob das bei ihnen nachgewirkt hat, weiß ich nicht. Das wird die Zukunft zeigen, denn zumindest mit einem von den Dreien hatte ich schon öfter ähnliche Erlebnisse. Ich hoffe dieses war das letzte.

Bei mir allerdings hat es nachgewirkt. Ich hab ja schon im ersten Post gesagt, dass ich mich nicht frei von Schuld sehe, wenn es darum geht, warum man so wenig unterschiedliche Frauen sieht (ich habe bewusst nicht normal geschrieben). Und auch hier bin ich ganz klar mit von der Partie, wenn wir die Schuldfrage klären. (Diese Fähigkeit zur Selbstreflexion ist echt ein Elend. Nie kann man einfach andere so vor sich hin verurteilen. Immer ist man auch selber Schuld.)

“Du bist aber groß geworden!” sagte ich neulich zum übergewichtigen Freund meines Mannes. “Himmel, wie läuft die den rum?” hat man mich auch schon mal sagen hören. Und auch ansonsten ist die Frau der man so gern die Kotterschnauze attestiert auch immer wieder mal ein Quell der Inspiration in Sachen Alltagsdiskriminierung. Und das ist ziemlich scheiße. Also für andere Menschen, aber auch für mich, denn ich kann mich ja nicht hier her stellen und sagen, ich habe ein Recht darauf fair und mit Respekt behandelt zu werden, wenn ich selbst andere im Kleinen immer wieder diskriminiere, oder?

Der besagte Freund meines Mannes hat mit mir gelacht, es war auch mehr ne erstaunte Feststellung als eine Abwertung und ich denke er hat das so verstanden, aber ich kann halt eben nicht davon ausgehen, dass es so ist. Ich kann für keinen anderen Menschen entscheiden, wie sich Dinge/ Worte für ihn anfühlen. Aber ich bin allein dafür verantwortlich, dass das was ich zu anderen sage eben von Fairness und Respekt zeugt. Es ist ja auch so, dass meine bisherigen Reaktionen auf solche Sprüche immer gelassen und schlagfertig waren. Großmaul eben. Aber kalt gelassen hat mich das nie. Es ist immer ein bisschen was davon zurückgeblieben. Stimmt das, was er/sie sagt? Ist es das was Leute denken, wenn sie mich sehen? Ich bin nicht ganz so die harte Nuss die ich gern wäre und oft vorgebe zu sein. Ich bin also ebenso Opfer, wie Täter. Mal wieder.

Fakt: Diskriminieren tuen leider nicht nur die doofen AFD-Wähler und andere Nazis. Leider. Leider. Den Schuh müssen wir uns ab und an mal selbst anziehen. Wenn wir komische Leute in der Bahn angaffen. Den Zeitungsboten der immer Frauenkleider trägt, wenn er das Anzeigenblatt bringt. Das Mädchen in den seltsamen Gothic-Klamotten in der Schlange an der Supermartkasse. Komische Blicke, launige Kommentare, gehässige Spitzen in Richtung Anderer, weil sie nicht dem entsprechen, was ich mir vorstelle. Und habe ich ein Recht dazu? Nein. Definitiv nicht.

Was ich damit sagen will, ist eigentlich nur, wie leid es mir jetzt tut, oft so unbedacht unsensibel zu sein. Wie bescheuert ich mich fühle, dass ich da nie so recht drüber nachgedacht habe. Und das man vielleicht einmal viel bewusster auch bei sich schauen sollte. Ich achte seither viel mehr darauf, auch wenn ich manchmal immer noch die Kontrolle über mich verliere und mir ein Witz auf anderer Leute Kosten “so durchrutscht”. Ich arbeite dran. Es ist schwierig diesen Teil meiner Persönlichkeit niederzuringen. Aber man kann ja darauf achten, wie und wo man sich mal frustriert über Leute äußert die einen wirklich nerven. Psychohygienisches Lästern muss ja manchmal auch sein. Aber dann bitte mit der Freundin am Küchentisch. Sagen und vergessen. Was in Las Vegas passiert (oder gesagt wird) wird, bleibt in Las Vegas und so.

Bodyshaming und Bodypositivity

Was man sonst noch tuen kann?

Und auch das Gegenteil von “Lästern” und/oder “Bodyshaming” versuche ich aktiv in meinen Alltag einzubringen. Bodypositivity ist nämlich etwas, dass ich nicht nur bei mir selbst durch die Änderung meiner Haltung erzeugen kann, sondern ich kann  sie auch bei anderen erzeugen oder zumindest den Prozess unterstützen, sich selbst positiver zu sehen. Und zwar ganz einfach:

Sag mal was Nettes!

“Ich mag deine Brille!” “Mir gefällt dein Style!” “Ich bin froh, dass ich mit euch zusammenarbeiten kann!” sind einige der Sätze die ich in letzter Zeit nicht nur gedacht, sondern auch gesagt habe. Den Kolleginnen, dem Mädchen hinterm Kaffeetresen und einer Fremden in der Sektbar auf dem ominösen Schützenfest. Ich hab Komplimente aus dem Piepenkötterschen Kosmos heraus gefeuert wie Kamelle. Denken tut man sowas ja durchaus mal öfter. Aber sagen?  Ich hab es gesagt. Weil ich es so meinte. Weil ich nicht wollte, dass man mein “immer wieder hinschauen” falsch interpretiert und weil manche Dinge nie selbstverständlich seien sollten. Zurückbekommen habe ich nette Gespräche, ein Lächeln, neue interessante Bekanntschaften und ein gutes Gefühl für mich selbst. Das nennt man übrigens eine Win-Win-Situation, nicht wahr? Und wenn jetzt alle mal ein bissschen weniger scheiße gucken und ein bisschen mehr Nettes sagen könnten, dann wäre ich echt übelst zufrieden. ECHT.

Liebste Grüße,

Vanessa

P.S.: Zwei Artikel die artverwandt sind, möchte ich euch noch ans Herz legen. Johanna von “Pink-e-Pank” hat neulich etwas über Wertschätzung geschrieben und darüber, ob es nicht für uns alle schön wäre, diese Wertschätzung mal spürbarer zu machen in dem man ihr Worte verleiht oder Taten sprechen lässt. Den Artikel den ich schon bei Facebook geteilt habe und zu 100% unterschreiben kann findet ihr hier.  Und ein weiterer Artikel, der in die Richtung #bodypositivity spielt, ist der von Veronica vom Blog “Carrots for Claire”, die von Mentaltraining und der Tatsache erzählt, dass es viel mehr auf das Gefühl, als auf die Kilos ankommt. Ob ich damit wirklich abnehmen könnte, mag ich bezweifeln, aber das Ausstrahlung viel wichtiger ist, als ein schlanker Arsch habe ich jetzt auch mal gemerkt. Endlich. Den Artikel findet ihr hier.

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6 Comments

  • Reply
    Jeanny
    28. Juli 2017 at 10:48

    Sehr schön geschrieben, Piepenköttinsky <3 Ich verteile auch sehr gerne Komplimente. Auch an der Supermarktkasse, wenn vor mir jemand ein tolles Kleid trägt. Einfach Mund aufmachen und raus mit der Sprache. Macht alles schöner!

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      28. Juli 2017 at 12:23

      Ja, dann machen wir das jetzt einfach alle! ❤️

  • Reply
    Rita
    28. Juli 2017 at 11:46

    Liebe Vanessa,

    da bin ich bei Dir . Und bei Jenny auch. Wobei ich schon sehr gerne Komplimente raus haue. Wenn ich denn mal draußen bin. Macht es ja nicht nur dem Empfänger schöner, sondern mir auch.
    Aber diese Kompliment-Kultur ist im Abendland schon etwas untergegangen. Das sieht man an den irritierten Blicken des Adressaten. Leider! Ist genau so wie mit diesem fröhlichen ” Guten Tag” das man einfach so mal in die Fußgängerzone brüllt. Irritiert auch. Da haben wir alle einiges zu lernen. Wiederzuerlernen!
    Und das mit dem ureigenen #bodyshaming ich sag Dir was, das ist ein lebenslanger Prozess, auch leider! Wäre schön wenn man sich nen Film anschaut, oder ein Buch liest und das schön verinnerlicht.
    Ich war ja immer schlank und sportlich. Und durch die Medikamente, alles dahin. Haste Dich ja schon live von überzeugen können. Und das schlechte Gefühl, das Gefühl das ich eigentlich nicht möchte das mich jemand so sieht, das ist da, und geht nicht weg! Ich kann Dir sagen, da muss ich schwerstens dran arbeiten! Und daran das ich nicht denke was andere denken. USW. you know: Teufelskreis!
    Arbeiten wir dran uns und andere so zu lieben wie sie sind.Punkt!

    Übrigens: Ich stelle mir Dich im Rock und mit weissem t-shirt wunderschön vor. egal ob das Wellen schlägt oder nicht!

    Herzlichst

    Frau Schneider

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      28. Juli 2017 at 12:19

      ❤️❤️❤️

  • Reply
    anja/ das tuten der schiffe
    28. Juli 2017 at 12:21

    huhu liebste piepenkötterin,
    du kennst den film embrace, oder? sonst leihe ich diesen nächstes wochenende! und dann ist da noch brené brown, mit ihrem TED-vortrag zum thema schuld und scham. lieblingtipps zum thema!
    herzlich, anja

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      28. Juli 2017 at 12:23

      Ja, ich hab die DVD. Deinen zweiten Tipp werd ich mir mal angucken. Liebe Grüße❤️

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