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Mein Urlaub, dein Urlaub: Eine Familie und vier Urlaubstypen!

Urlaub mit der Familie I Von Urlaubstypen und Kompromissen

Als wir neulich unser Auto packten und alle Mann samt Hund an die holländische Nordsee fuhren, durchfuhren wir gerade die verkehrstechnische Katastrophe Bad Oeynhausen, als es im Radio eine Diskussion zum Thema “unterschiedliche Urlaubstypen” gab. Es ging darum, wohin die Leute gern reisen wollen oder eben reisen werden und ob der Partner/die Partnerin da 100% mitgeht. Setzt jeder seinen Traum vom Urlaub um? Ist der Urlaub ein Kompromiss? Was macht man, wenn man urlaubstechnisch gar nicht zueinander kommt?

Unter anderem wurde vorgeschlagen, so etwas wie die Art des Urlaubens quasi schon beim Kennenlernen abzuchecken um zu schauen ob man kompatibel ist. Der Mann und ich warfen uns im stockenden Verkehr wissende Blicke zu, denn wenn wir es tatsächlich so gemacht hätten, dann säßen wir hier sicher nicht. Nebeneinander im Auto. Hinter uns unsere Kinder und der Hund. Unterwegs an die Nordsee.

Haben wir also quasi fahrlässiger Weise eine Scheidung in Kauf genommen? Ich denke nicht. Und ich denke auch nicht das man als Partner in jedem Bereich 100 Prozent zueinander passen muss. Und bitte? Wir sind 12 Jahre verheiratet. Mein Traum vom Urlaub hat sich, seit ich den mit smarten 25 Jahren weggeheiratet habe auch verändert. Fünfmal um 180 Grad sozusagen. Hätte der sich immer in die gleiche Richtung mitdrehen müssen? Son Blödsinn.

Trotzdem kann ich sehr gut verstehen, dass dieses Urlaubsding manchmal zur Gretchenfrage wird. Denn auch bei uns gibt es, wenn man so will, ganz unterschiedliche Urlaubstypen. Und zwar 5, wenn man den Hund mitzählt.

Kandidat 1

Kandidat 1 arbeitet in einem körperlich sehr anstrengenden Beruf und ist dort kontinuierlich Hitze und Dunkelheit ausgesetzt. Ausserdem ist er dort viel allein unterwegs. In den Ferien möchte er gern an Orte verreisen, an denen es lediglich angenehm warm aber sehr sonnig ist. Damit sich 25 Grad warm genug anfühlen, müsste es dann auch immer noch windstill sein. Es sei denn er will surfen.

Generell will er nur machen, was ihm Spaß macht. Was das ist, weiß er im Vorfeld aber leider noch nicht. Wenn er es gefunden hat, plant er direkt, nie wieder in seinem Leben etwas anderes zu tun und rüstet sich zum Leidwesen der anderen Familienmitglieder hoch professionell aus NACHDEM er mit ihnen allen im Detail besprochen hat, was er kauft, warum er es kauft und was mögliche Alternativen wären und warum er dieses verworfen hat. Was er nicht will ist “Sachen angucken”. Dabei handelt es sich um Orte, jegliches Kulturgedöns, folkloristisches Unterhaltungsprogramm und ganz besonders um Konsumartikel. Was er auf gar keinen wie auch immer gearteten Fall tun würde, wäre “rumfahren ” und das schlimmste das im Urlaub passieren kann (für alle) ist, das ihm langweilig wird. Aus diesem Grund prüfen die Mitreisenden für den Notfall immer, wie viele deutsche TV Sender die Glotze im Feriendomizil hat. Ergebnis der Langzeitstudie: Drei sind zu wenig!

Urlaub mit der ganzen Familie I Alle Urlaubstypen glücklich machen

Kandidatin 2

Kandidatin 2 würde sich selbst als der anspruchslose Urlaubstyp bezeichnen. Wer hätte das gedacht. Alles was sie braucht ist eine Liege und die obligatorische Kiste Bücher, die sie im Urlaub  immer mit sich rumschleppt.

Stimmt aber nicht ganz, denn eigentlich kann sie dieses “Entspannen”, das der Tätigkeit des Lesens vorangeht, nur in schönem Ambiente. Heißt: Die Butze muss schick sein, der Ausblick schön und überhaupt. Ferienwohnungen mit Teppichboden und Doppelstockbetten im Gelsenkirchener Barock sind ihr Armageddon. Sie verreist gern in Regionen, die kulinarisch was zu bieten haben, wenn sie dann aber das richtige Buch in Händen hält, verlässt sie die Liege nur widerwillig und selbst kochen will sie dann auch nicht. Kulinarische Highlights hin oder her. Kandidat 1 sagt, dass wäre auch der Grund, warum er mit ihr nicht nach Bali reist. Sie würde ja eh nicht mitkriegen, ob sie in Bali oder Badenstedt läge. Da sie sich Zuhause nur schwer entspannen kann, wäre es für sie am besten immer zu urlauben. An jedem verdammten freien Tag. Irgendwo, wo es ruhig ist.

Da sie viel in diesem Internet rumhängt, denkt sie übrigens, alle Menschen ausser ihr würden entspannte Urlaube in fernöstlichen Infinitypools machen (in den sie ganz allein planschen). Ausserdem guckt sie sich gern Städte an. So richtig mit Recherche. Sie sucht dann vorher tolle Cafés und Läden raus, erstellt ein Pinterest-Board mit den Orten die sie besuchen will und wenn die Familie dann da aufschlägt gehen sie zu H&M, zu McDonalds und dann wieder nachhause. Deprimierend, nicht wahr?

Verschiedene Urlaubstypen und wie sich das als Familie lösen lässt

 

Kandidatin 3

Kandidatin 3 ist das typische Pubertier mit dörfischen Hintergrund. Sie will raus in die große Stadt und weit ist niemals weit genug. Hotels brauchen riesige Poolanlagen mit Rutschen und die Güte des Büffets wird am Vorhandensein von Wassermelone und Granatapfelkernen gemessen. Spaß haben (oder eben nicht) kann sie eigentlich überall, aber wenn sie es sich aussuchen würde, wäre ihr Urlaub der Cluburlaub oder die Städtereise. Bei letzterer ist dann wiederum aber nur marginal wichtig, was da so an kulturellem Input möglich ist. Wichtig sind H&M, Mango, Zara, Monki, Snipes und Co.. Alles in allem will sie was sehen von der Welt. Was erleben. Das entspannte Landleben hat sie ja nun zwischen den Ferien schon. In der Überdosis.

Kompromisse für den Familienurlaub

Kandidatin 4

Kandidatin 4, dass möchte ich bereits am Anfang klarstellen, geht keine weiten Strecken, will nicht länger als 4 Stunden im Auto sitzen und eigentlich auch nicht länger fliegen. Da wird sie heikel. Ansonsten ist ihr die Auswahl des Reiseziels relativ egal. Es muss gut zu erreichen sein und ausreichend Essen beinhalten. Am schönsten ist es natürlich, wenn sie dafür nichts tun muss (wie z.B. Abwaschen) und es noch Pools und Rutschen gibt. Städte ansehen sind ihr ein absoluter Graus (ganz der Vater äh ganz Kandidat 1), aber sie möchte dann doch gern “ein Abenteuer erleben”. Positiv ist es, wenn sie direkt am Anreisetag eine Auswahl an 3-4 Gleichaltrigen findet, mit denen sie sich verständigen kann. Das ist für alle am schönsten, denn sonst müssen die Kandidaten 1 und 2 achteinhalb Stunden täglich Stadt, Land, Fluss spielen und Sätze sagen wie “Nein, man darf nicht immer bei Tier und Lebensmittel das Gleiche schreiben!”

Abenteuer erleben und ruhe am Strand. Urlaubswünsche der Familie vereinen!

Kandidat 5

Kandidat 5, hinreichend bekannt als der Piepenköter, möchte hauptsächlich unbedingt dabei sein. Es muss also ein mit dem Auto erreichbares Nahziel mit hundefreundlicher Unterkunft sein. Es darf (das haben wir getestet) keine Teppich bezogenen Treppen beinhalten und ist besten Falls am Wasser gelegen. Gibt es kein Wasser, muss mindestens echt hohes Gras drin sein.

Wie bringst du das unter einen (Sonnen-)Hut?

Wir suchen also nach einem Urlaubsziel, dass weit weg aber nah dran und ruhig mit viel Halligalli ist. Etwas wo man an kulturellen Sehenswürdigkeiten beim Genuss lokaler Köstlichkeiten schwedische Wegwerfmode kaufen kann und eine zahlreiche Auswahl an möglichst kostenneutralen Beschäftigungsmethoden besteht. Es sollte günstig und spontan buchbar sein und wenn nicht die Anreise mit dem Flugzeug erforderlich ist, sollten Haustiere erlaubt sein.  Wisst ihr wo das ist? Ich schätze, ganz ehrlich, NIRGENDWO! Und das macht uns jetzt also zur klassischen Urlaubskompromiss-Familie. Oder?

Ich habe mir an der Nordsee viele Gedanken darüber gemacht, wie sich das für uns lösen lässt. Ich war im Ferienhaus auf dem Strand ja super glücklich und dem Rest der Familie gefielen der Urlaub im allgemeinen, Lage und Haus auch super, aber vielleicht nicht im selben Maße wie mir. Der Mann hat sich ab und an schon gelangweilt, weil das was ihm dort geboten wurde eben nicht seiner Laune entsprach und es ihm generell wettertechnisch zu durchwachsen war und seine Gattin mit ihrem Buch verweilte. Die Kinder waren super glücklich mit Strand, Sand, Meer und ihrem Drachen, hätten aber auch gern mehr “erlebt” (allerdings auch völlig unterschiedliches). Als wir in Rotterdam waren, waren die Kinder beim Shopping glücklich, aber ich war unzufrieden (ich wollte die Stadt sehen und mehr coole Locations) und der Mann …naja…. Einzig das fressen-bis-wir-platzen in der Markthalle hat uns so richtig geeint.

Was nun?

Ich finde es generell unbefriedigend, diese Kompromisse zu fahren. Mir machen ehrlich gesagt Städtetrips keinen Spaß, wenn ich zwei Unwillige hinter mir her schleife und mir eine Mitreisende in jedem Shop verlustig geht und ich nach 2 Stunden schon drölfzig Einkaufstüten mit mir rumschleppe. Etwas wo wir alle wohl ganz gut bei weg kämen, wäre also ein Hotelurlaub, mit Pools, Sportmöglichkeiten, gutem Essen und bequemen Liegen. Gern nicht so weit weg, aber schon erkennbar woanders mit gutem, nicht zu heißem Wetter und am Meer. Oder? Was aber wird denn dann aus diesem Vorsatz, mehr von der Welt zu sehen? Und auch den Kindern schon mal einen Teil dieser Welt zu zeigen? Mööp. Das fällt irgendwie hinten rüber. Cluburlaube in schönsten Metropolregionen für 12.000€ für 14 Tage fallen übrigens raus. Nur so zur Info.

Das”die Welt sehen” funktioniert ja nicht, wenn du irgendwo an einem Hotelpool verrottest. Wie soll man es also machen? Wie stellen wir alle Kandidaten zufrieden?

Um es mit meinen Worten auszudrücken, die ja mitunter eher platt sind: Wir sind ja nicht am Arsch aneinander gewachsen! Was hindert uns denn bitte daran, auch allein Urlaub zu machen?  Warum nicht Hipster-Städtetrips mit Shoppingsequenzen nur mit mir und dem großen Kind? Warum nicht mal nen Baumhaushotel nur mit der Kleinen? Warum geht der Mann nicht mal mit nem Kumpel auf Enduro-Tour? Und in den Ferien hängen wir halt gemeinsam an Hotelpools ab oder besorgen uns vor Strandurlauben im Ferienhaus mal ein bisschen Material zur Papa-Bespaßung (ich denke da an Kitesurfing oder irgendwas anderes was mich drei Monatsgehälter kostet aber relativ gut zu verstauen ist). Warum eigentlich immer dieses “wenn dann alle”? Weil das so schön nach idyllischem Familienleben aussieht? Ich bitte euch! Ich habe in diese Gesichter gesehen, die ich im Januar durch Amsterdam schleppte. Aus denen sprach so einiges. Idylle war es nicht. Also, warum allen die freien Tage vermiesen und nicht allein oder fein nach Interesse sortiert auf Wanderschaft gehen?

Also:

So werden wir das jetzt erstmal lösen. Es wird Familienurlaube an europäischen Hotelpools geben und es wird für jeden je nach Fasson Möglichkeiten geben, sich selbst zu verwirklichen. Radwanderungen, Shoppingtrips, Städtereisen, Enduro-Wochenenden, was auch immer… Und wenn alle Stricke reißen, dann kaufen wir wieder eine Wohndose und fahren wieder nach San Pere Pescador, denn wenn ich mir die Bilder in diesem Beitrag aus unserem letzten Campingurlaub an der Costa Brava in 2013 so ansehe, so waren das doch immer ganz fantastische Urlaube. Für alle.

Bleibt erst einmal  die Frage offen, wie wir so viele unterschiedliche Urlaube, generell so viele Urlaube, bezahlen wollen. Aber da wird sich schon was finden.  Ich werde berichten! Wie ist das denn bei euch? Habt ihr eine Urlaubskasse? Wie füllt die sich? Monatliche Rücklagen? Das Weihnachtsgeld und Flohmarkterlöse? Ich würde mich freuen, wenn ihr mir dazu mal was schreiben könntet. Bis dahin!

Liebste Grüße,

Vanessa

 

 

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