Alltagsorganisation/ Familienalltag/ Persönliches

Was ist das eigentlich, diese Vereinbarkeit?

Frau Piepenkoetter I Job, Familie und Vereinbarkeit

„Ach, du hast es gut. Bei dir sind Job und Familie zusammen ja kein Problem. Wenn das bei mir auch mal so gut ginge mit der Vereinbarkeit!“ Das ist ein Satz den ich so oder so ähnlich sehr häufig höre. Und es ist wahr. Wenn man sich das mal kurz anschaut, was da bei mir so geht in Sachen Job- und Familienvereinbarkeit, da scheine ich einen Volltreffer gelandet zu haben. Ich arbeite keinen Kilometer von Zuhause entfernt. In meiner Kita bin ich als Leitung für die Dienstplangestaltung zuständig und kann sie (auch weil meine Kollegen das 100% unterstützen) immer den Bedürfnissen der Kolleginnen mit Kindern (also auch meinen) anpassen. Wenn ich an Schul- oder Ferientagen mal ein kurzfristiges Betreuungsproblem habe, dürfen die Kinder in meinem Büro Hausaufgaben machen oder auch mal mit nach draussen in die Sandkiste. Ein Elternteil konnte es bislang fast immer einrichten, die Kinder zur Klassenfahrt zu bringen und abzuholen oder in der Projektwoche am Abschlusstag die Ausstellung der Arbeitsergebnisse anzusehen. Super, oder? Trotzdem ist es für mich gefühlt nicht halb so leicht, wie es manchem erscheint.

Wo liegt mein Problem?

Ich will jetzt garnicht ausholen, wie selten sowas generell ist. Wieviel Toleranz, Flexibilität und Verständnis das einem Team manchmal abverlangt. Und das die Vorraussetzung, die vollständige personelle Besetzung der Kita ohne Urlaubs- und Krankheitsausfälle, quasi zu 90% der Zeit nicht gegeben ist. Das wir das nur so schaffen, da der Mann verlässliche Arbeitszeiten im Schichtdienst hat. Und wir als Backup zwei Omas in der Hinterhand haben.

„Job und Familie“ kriege ich schon irgendwie zueinander. Es klappt meist. Irgendwie. Was ich icht zueinander bekomme, sind die Erwartungshaltungen der Anderen und meinen eigenen . Beispiele gefällig?

Mutter und Vater als aktive Mitwirkende des Schullebens

Die Schule, die meint von Heute auf Morgen besondere Arbeitsmaterialien verlangen zu können und  das ich zu jeder Schulveranstaltung am Nachmittag oder Abend einen Kuchen  mache, herankarre und (auf jeden Fall) noch am selben Tag die Kuchenplatte wieder abhole (Anfahrtsweg ca. 30 Minuten). Die glaubt es wäre ein leichtes für alle Eltern, ihr Kind am Donnerstag wegen des Ausfluges direkt um 9 Uhr an den Veranstaltungsort zu bringen (45 Min Anfahrt) und am nächsten Tag um 12 Uhr dort wieder abzuholen.  „Ein aktives Einbringen der Eltern und  Familien in den Schulalltag halten wir für absolut notwendig!“ Ja, ich verstehe das. Denn ich stehe ja auch mal auf der anderen Seite. Ich hänge fürs Herbstfest Listen aus. Reizwort: Mitbringbüffet Das heisst das in Vollzeit berufstätige Eltern Abende in der Küche verbringen um Freitagsnachmittags in der Krippe nicht komplett abzustinken, sondern eine anständige pintersque  12er Garde Einhornmuffins aufgaloppieren lassen können. Ohne Eltern geht es nicht. Ich weiß.

Ich würde mich gern viel mehr in das Schulleben einbringen. In der Cafeteria verkaufen, beim Sponsorenlauf die Wasserkisten schleppen, die Schulbücherei betreuen. Aber es geht halt nicht. Ich arbeite. Wir arbeiten. So bleibt mir als Einziges das schlechte Gewissen.

Die Elternschaft als Beruf begreifen. Das Kind als finales Werkstück sehen.

Es sind die anderen Eltern, die irriger Weise davon ausgehen, dass ich von Berufs wegen ja erziehungsmäßig immer alles tippi toppi im Griff haben müsste. Meine Kinder sollten die engagierten sozialen Überflieger sein. Astrein aufgeräumte Zimmer, immer nett, immer adrett. Alles andere wird sonst auch gern mal in direkte Beziehung zu meiner pädagogischen Kompetenz und somit meiner beruflichen Befähigung gesehen. Diese Kinder sind ja viel mehr als nur Kinder. Sie sind die menschgewordene Visitenkarte meiner Erziehungsfähigkeit. Ein Aushängeschild für meine professionelle Eignung. Es sollte mir als Profi ja wohl gelingen, diese Zwei in Reihe zu bringen und zu halten. Ich habe ja auch keinen so anstrengenden Job. Da bliebe wohl mehr als genug Zeit.

Oftmals wird mit großer Skepsis das Schindluder betrachtet, dass ich ganz offensichtlich mit den akademischen Laufbahnen meiner Kinder treibe. Denen ist erlaubt, Hobbys abzubrechen, wenn sie das Interesse verlieren. Beide haben nur rudimentäre instrumentale Fähigkeiten. Ein Kind ist sogar in keinerlei Verein organisiert. Das eine geht wenigstens Turnen, aber bedenklicherweise bislang ohne Wettkampfteilnahmen bzw. größerer Erfolge. Wo soll das hinführen? Und überhaupt, hätte man mit der kieferorthopädischen Behandlung viel früher beginnen können und sind das evtl. X-Beine? Haben wir je überprüfen lassen, ob die Kinder Einlagen brauchen? Und stimmt es, dass die Große keine zweite Fremdsprache lernt? Sind wir uns der Ansprüche nicht bewusst, welche die Entwicklungen am Arbeitsmart mit sich bringen? Schlimm genug, dass sie nicht auf ein reines Gymnasium geht, sondern auf so eine seltsame Gesamtschule.

Am wichtigsten: Meine eigenen Leute!

Auf einem anderen Blatt stehen die Wünsche meiner Familie an mich. Zeit, Ansprache und einige andere Dinge, die sie sich von mir und für  mich ebenso wie mit mir wünschen würden. Die aber mit der Jonglage all der Bälle in meinem Luftraum manchmal nicht möglich sind oder zumindest schrecklich zu kurz kommen.  Vereinbarkeit ist ja nicht meine Einzelaufgabe, sondern ein Familienprojekt, dass wir irgendwann einmal zusammen begonnen haben, an dem wir arbeiten und das wir am Laufen halten wollen. Oder etwa nicht?

Genauso wichtig: Ich!

Mein größter Gegener in Sachen Vereinbarkeit bin aber nach wie vor ich. Ich kann mich nicht dagegen imprägnieren. Ich kann in mir selbst keine Scheiß-egal-Haltung etablieren. Ich belaste mich selbst mit all diesen Fragen und Anprüchen. Lasse sie an mich heran und lasse zu, dass die Unsicherheit in mir wächst. Mache ich das richtig? Ist es da was ich will ? Was ist, wenn ich in 10 Jahren feststelle, dass es die falsche Entscheidung war die Dinge so zu handhaben wie wir es tun? Wie fühle ich mich jetzt damit? Ist das noch Familienleben oder nur noch eine holprig laufende Organisationseinheit die es immer wieder irgendwie ins nächste Level schafft? Gibt es eine Wahl für mich? Für uns? Oder ist es einfach wie es ist? Habe ich überhaut ein Recht auf diese Fragen, wo es anderen doch so viel schlechter geht, wenn sie mit ihrem Dasein als Alleinerziehende oder aus Mangel an Betreuungsplätzen noch ganz anders  aufgestellt sind als ich, die es ja irgendwie hinbekommt, wenn auch unzufrieden? Ist unser Lebensmodell noch aktuell für uns? Oder bin ich jetzt etwa in der Mid-life-crisis?

Was will uns der Autor damit sagen?

Probleme sind, kein Geheimnis, eine subjektive Angelegenheit. Der eine mag in Sachen Vereinbarkeit die großen Brocken bearbeiten und drohen daran zu scheitern, der andere nur an kleinen, aber letztlich arbeiten sich wohl fast alle Familien, wie zahlreich sie auch sind, daran ab. Mich nervt, dass man mir meine Unzufriedenheit abspricht, nur weil meine Rahmenbedingungen oberflächlich gesehen gut sind. Den Leuten ist nicht klar, wie oft ich schon mein 10jähriges Kind krank allein zuhause gelassen habe, damit wir nicht die Kita wegen Unterbesetzung schließen müssen. Sie haben keine Ahnung davon, wie unglücklich mich das macht. Letztlich ist es immer meine Entscheidung. Die ich für mich fällen, aushalten, reflektieren und ggf.mal überdenken sollte. Ich will auch keinen Dank, kein Verständnis oder sonst etwas dafür. Ich will nur mal sagen: Das Gras auf der anderen Seite ist vielleicht nur deshalb so grün, weil man sich aus Zeitmangel für Kunstrasen entscheiden musste. Des einen Struggle sind die Rahmenbedingungen, Alleinverantwortung, Betreuungsplätzemangel, des anderen sind Ansprüche und Erwartungen an sich selbst und von anderen. Ein Dritter mag daran zu knapsen haben, dass der Lebensentwurf sich nicht mehr so gut anfühlt, wie er sollte und die Vierte macht vielleicht einfach was sie will und kriegt deshalb nen Stempel drauf, weil er/sie macht, was sich die anderen eigentlich wünschen. Denkt mal drüber nach und seid einfach lieb zueinander. Okay? Musste ich mal loswerden. Scheiß Vereinbarkeit.

Liebste Grüße,

Vanessa

 

 

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8 Comments

  • Reply
    Käthe
    5. November 2017 at 09:59

    Hey, genau! Sch*** Vereinbarkeit. Gut geschrieben, ich stimme dir absolut zu.
    Irgendwo hab ich mal das Sprüchlein gelesen, es brauche ein ganzes Dorf, ein Kind großzuziehen.

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      5. November 2017 at 10:00

      Ja, nur genau dieses Dorf gibts halt nicht mal mehr auf dem Dorf… 😩

  • Reply
    Claudia
    5. November 2017 at 14:20

    Oh, ich finde, das hast du ganz wunderbar geschrieben! Bei den schulischen Dingen musste ich schmunzeln, so ähnlich geht es mir.
    Es ist schon seltsam mit uns, dass wir immer auf die anderen schielen, immer vergleichen, immer in Frage stellen. Ich bin ganz dankbar, dass ich ab und zu auf dem Dorf auch mal die eine oder andere Freundin habe, die notfalls einspringt oder hilft und nicht im Gegenzug guckt, was hat die, was ich nicht habe. Und ich bewundere all die, die es immer irgendwie schaffen, aber es wäre gut, wenn wir uns weniger unter Druck setzen würden.
    Gerade zurück aus Schweden, fragte ich meine Große, was ihr am meisten gefallen hätte und sie meinte, die Gelassenheit und Ruhe mit der Dinge getan wurden. Ich hoffe, ich kann etwas davon rüberretten.
    Ich wünsche dir einen gelassenen Familiensonntag und mir noch mehr Artikel dieser Art!
    Liebe Grüße vom Deich
    Claudia

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      5. November 2017 at 14:27

      Dankeschön Claudia! Auch für die Ermutigung. Ich denk ja immer, es interessiert die Leute doch garnicht, wenn es nicht ein Rezept, DIY oder ne Reise- oder Kaufempfehlung ist. Was hat man denn davon? Aber scheinbar liege ich falsch ❤️

  • Reply
    Kathrin
    8. November 2017 at 08:25

    A – MEN!
    Du bist heute meine Heldin des Tages!
    Und morgen bestimmt wieder.
    Und ……

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      9. November 2017 at 08:47

      Huch. Dankeschön! <3

  • Reply
    Evelyn
    10. November 2017 at 14:14

    Hey Vanessa,

    Danke für den tollen Text. Ich steh noch am Anfang der Problematik, dennoch kommt mir einiges leider bekannt vor. Vor allem dden Abschnitt über berufliche Befähigung und pädagogische Kompetenz kenne ich so eins zu eins. Ich bin gespannt was da noch auf mich zu kommt. Umso toller, wenn Eltern sich gegenseitig durch so Texte Mut machen und nicht gegenseitig runter, weil bei den einen was läuft und bei anderen nicht. #tschaka Und dieses ständige Hinterfragen ist zwar nervig, aber so kann man ja auch erst ausloten, ob gerade alles noch in die richtige Richtung läuft.

    Liebe Grüße Evelyn

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    Meine liebsten Blogartikel der Woche - 6.-12.11.2017 - Agentenkind
    13. November 2017 at 08:16

    […] fragt diese Woche Vanessa auf ihrem Blog Frau Piepenkötter. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird ja heiß diskutiert und betrifft mich aktuell, bei […]

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