Herz/Kopf/Blog: Du hast die Wahl!

    Frau Piepenkoetter I Dein Leben


    Kennt ihr das noch? Michael Schanze mit “1, 2 oder 3”? Heute macht das glaube ich Elton, aber heute bin ich ein paar Takte zu alt um mich noch mit derartigen Formaten im Kinderfernsehen (und überhaupt: Fernsehen!) zu beschäftigen. Als ich klein, oder jünger, war hingegen, fand ich die Sendung sau spannend. Wie aufregend es ist, sich unter Druck für eine der drei Möglichkeiten zu entscheiden und immer im Hinterkopf zu haben, dass man am Ende mit dem Einkaufswagen durch den Spielzeugladen ziehen will und einfach einlädt was man will!!!! Ein Traum! Noch heute hätte ich gegen so eine Entlohnung nichts einzuwenden. Allerdings sollte es kein Spielzeuggeschäft sein. Was mit Möbeln oder Deko wäre schön!

    Ob du wirklich richtig lebst, siehst du, wenn dir ein Licht aufgeht! Oder so…

    Im wahren Leben ist es manchmal ein wenig wie in eben dieser Sendung. Du musst dich entscheiden, zwischen Alternativen wählen. Du musst dich mit deinen Mitspielern abstimmen und Kompromisse finden. Immer mit dem Ziel der für dich perfekten Zukunft vor Augen. Manchmal trägst du die Konsequenz allein, mal ist sie auf mehrere Rücken verteilt. Was anders ist, als bei “1,2 oder 3” ist allerdings, dass nicht alle Entscheidungen die du so triffst derart endgültig sind, wie die in der Kindershow. Oder?

    Neulich fragte ich auf Instagram aus einer Laune heraus ein paar Sachen ab. Ich wollte mir gern mittels einer Umfrage ein Bild von meinen aktiven Instafollowern machen und fragte grob nach Alter, Kindern und Wohnumfeld. Einfach, dachte ich. Falsch gedacht!

    Stadt, Land….

    Was folgte, war zu meiner Irritation, eine Welle an Nachrichten von Menschen die sich für das eine oder das andere rechtfertigten oder langwierig erklärten, dass sie sich das alles ja auch nicht ausgesucht haben, aber der Job/ der Mann/ die Kinder oder was auch immer dazu geführt hätten, dass man sich für das eine oder gegen das andere entschieden hat. Das war alles nicht freiwillig. Und da, liebe Leute, sage ich euch jetzt mal was: DAS STIMMT NICHT!

    Du hast die Wahl!

    Also zumindest in den meisten Fällen möchte ich das stark anzweifeln. Denn wer für den besseren Job, den tolleren Mann oder die geliebten Kinder beispielsweise von Hamburg nach Wunstorf/ Bokeloh gezogen ist, der wurde nicht geknebelt und gefesselt auf der Ladefläche eines Lieferwagens verschleppt, sondern der hat ganz bewusst eine Priorität gesetzt. Für den besseren Verdienst oder die Familie, den Mann, die Kinder, das Hobby oder Oma. DAS war eure Priorität. DAFÜR habt ihr das gemacht! Vieles was da dran hängt, ist das was man gemeinhin mit Konsequenz meint. Wer Pferde am Haus halten will, wird dies nicht mitten in der Schanze können, auch wenn er dort gern wohnt. Was folgt ist eine Priorisierung und eine bewusste Entscheidung.

    Alles oder nichts….

    Immer öfter kriege ich in Gesprächen das Gefühl, das sich der Glaube verfestigt, ein Leben könnte nur erfüllt und glücklich sein, wenn alle Parameter stimmen. Wenn ich mitten in der Innenstadt zwischen angesagten Läden und Cafés wohne, Pferde im Garten habe, mein Kind in den Waldkindergarten gehen kann und so weiter. Habe ich das nicht, kann mein Leben nicht erfüllt sein. Ich muss haben, was ich will und zusätzlich noch alles was sich die anderen wünschen. Habe ich etwas davon nicht, will ich gar etwas davon nicht, bin ich in Erklärungsnot und muss mich rechtfertigen. Als wäre das Leben eine Bonuskarte und es kriegt am Ende nur der die “Belohnung”, der ALLE Felder abgestempelt hat.

    Darum möchte ich mal feststellen, dass die meisten von uns eben schon die Wahl haben. Sehr viel Wahlmöglichkeiten sogar. Sie können sich für das eine oder andere entscheiden und ggf. auch drei Jahre später nochmal für was anderes. Ich wüsste niemanden, der gezwungen ist, in Wunstorf/ Bokeloh zu leben, ein lebenslang Zahnarzthelferin zu bleiben oder die katastrophale Beziehung mit Jochen durchzuhalten bis der Tod sie scheidet. Man hat eine Wahl! Ihr habt eine Wahl! Ihr solltet sie nicht leichtfertig fällen, aber ihr solltet sie aber auch nicht ablehnen und verfallen lassen. Ihr habt nur dieses eine Leben! Eigentlich alle Menschen die ich kenne, die sich nochmal umentschieden haben, sei es Job, Wohnort oder Lebensmodell, bereuen es nicht. Mit Sicherheit war nicht alles einfach oder gar easypeasy, aber wenns wichtig ist….

    Defizitorientierung. Schon mal gehört?

    Irgendwie ist es typisch deutsch. Dieses Festhalten an einer Entscheidung. Man kauft genau 1 Haus, lernt genau 1 Job. Nur bei der Lebenspartnerwahl sind wir mittlerweile umentscheidungsfreudiger. Manchmal sogar leichtfertig. In allen anderen Hinsichten: Ist eine Entscheidung gefasst, beginnen wir uns für alles zu bejammern, was ausserhalb unserer Entscheidungsblase liegt. Auf der vierspurigen Hauptverkehrsstraße fahren Autos. Im Dorf gibt es keine H&M-Filiale. Mimimi. Klar darf man sich mal leid tun, aber im Großen und Ganzen….

    Was ich damit sagen will, mir ist klar das mein Gequatsche da schwer zu fassen ist, ist: Macht euch bewusst, dass ihr sehr wohl die Wahl habt. Welch großes Glück das ist. Und dann steht dazu. Oder ändert was.

    Dieses Schicksal ist selbstgewählt!

    Nehmt mich: Ich könnte, man bescheinigt mir das häufig, mit meinen Kitaleitungsskills auch eine wesentlich größere Einrichtung leiten. Mehr Fame, mehr Kohle. Mach ich aber nicht. Ich bleibe genau da wo ich bin, weil ich meine Priorität auf meine Familie lege und auf die Möglichkeit für mich ein gutes und möglichst entspanntes Leben zu haben. Dafür verzichte ich auf Geld. Das ist dann halt so. Die Konsequenzen trage ich, tragen wir.

    Ich lebe auf dem Land, weil ich das Landleben liebe, aber auch weil ich immer gern in einem Haus mit Garten leben wollte. Jetzt tue ich das dort, wo mir meine finanziellen Möglichkeiten dies ermöglichen. Dafür habe ich mich in einer ganzen Reihe Entscheidungen entschieden. Manche meiner Entscheidungen fällte ich allein, manche fällten wir als Paar, manche als Familie.

    Wenn “die anderen” nach Aruba fliegen und auf Mauritius am Pool relaxen oder eben mal NYC unsicher machen, ist mein Urlaubshighlight der niederländische Supermarkt und die Nordsee.So habe ich das gewollt.

    Ich bin gut darin “die billige Version von…” zu finden und komme mittlerweile auch gut mit “von allem weniger” zurecht. Zugegeben: Das war nicht immer so.

    Ich wünschte, ich wäre…

    Es gab Zeiten, da habe ich mich damit schwergetan, dass scheinbar alle anderen in großen Städten lebten, ruckzuck an die coolen Klamotten kamen und jedes Musst-Have-Piece auf dem Nachhauseweg abgreifen konnten, während ich abhängig von Onlineshopping auf meiner Scholle saß und das Highlight des Monats der Besuch des Kleinstadt Warenhauses in 15 Minuten Entfernung war. Alle Bloggerkolleginnen sahen sich quasi täglich auf tollen Events, während ich allein am Esstisch hockte und aus dem Wohnzimmerfenster die Rollatorengäng beim Wettrennen beobachtete. Ich fand es richtig scheiße, dass alle anderen quasi Unsummen für coole Möbel und Klamotten übrig hatten und ich sogar noch nach Ikeamöbeln gebraucht suchte um was einzusparen. Aber irgendwann wurde mir sehr bewusst, dass mir das nicht weiterhilft. Ich habe mit dieser Unzufriedenheit meine Gedanken quasi vergiftet. Wer hatte sich das alles hier denn ausgesucht? Niemand geringerer als ich. Und wollte ich das eintauschen? Nein. Ich wollte Alles und Alles, seien wir ehrlich, ist manchmal nicht miteinander kompatibel. Also habe ich, ich hasse es ja wenn es so esotherischalternativpsychogedönsig klingt aber es ist leider so, mir klar gemacht, wo meine Prioritäten liegen. Und ich habe deren Konsequenzen angenommen und. angefangen mir deren gute Seiten wieder bewusster zu machen. Und ich habe mir den Druck, nennen wir es sozialen Druck oder Konsumdruck, bewusst gemacht.

    Und nun?

    Ich liebe wie ich lebe und wo. Wenn man mich fragen würde, ob ich eine Hose weniger besitzen wollen würde oder täglich 2 Stunden mehr arbeiten, würde ich auch untenrum nackig laufen. Ich will Zeit für die Kinder haben und ein Hochbeet. Den Hund und “Weite” wenn ich aus dem Fenster sehe. Ich will am Wochenende zuhause abhängen können und Kuchen backen. Ich kann mir auch ein Ich vorstellen, dass einen neuen cooleren Job lernt, in der Großstadt wohnt, auf dem Weg nachhause PokeBowls für alle kauft und noch eben diesen schönen Schal. Ich könnte abends mit den Kolleginnen auf tollen Events anstoßen und an langen Wochenenden in irgendwelche Metropolen jetten. Könnte ich. Hab mich aber dagegen entschieden. Und das finde ich gut so.Jetzt. Denn, was man sich selten vor Augen hält, wäre dieses Leben auch mit 45-50 Stunden Arbeitswochen, extrem hohen Mieten, wenig Zeit und Platz für die Kinder, einem kleinen Balkongärtchen und anderen Dingen verbunden, die ich eben ganz und gar nicht will.

    In einem meiner Lieblingsfilme sagt der Filmvater zu Reese Whiterspoon “Du kannst mit einem Arsch nicht auf zwei Gäulen reiten”. Das habe ich beherzigt. Ich habe aufgehört alles sein zu wollen, mich für das was ich bin und will zu entschuldigen oder mich zu rechtfertigen. Was ich aus meinem Leben mache, wo und mit wem , habe ich in der Hand. Niemand anderes. Und ich muss nicht alles wollen oder auch haben was andere haben, so lange ich glücklich bin und alles habe was ich brauche.

    Diese Gedanken wollte ich mal los werden, weil ich es so traurig fand, dass viele von euch meinen sich für ihr Leben entschuldigen oder rechtfertigen zu müssen. Und weil es mich nervt, dass wir uns so unmündig machen. Wie ich, wenn ich sage, dass ich nicht nach New York reisen kann. Klar kann ich. Ich müsste auf andere Dinge verzichten. Jeans, Kurzurlaube, Freizeit. Und da ich das nicht tue, bin ich auch selbst schuld daran, dass ich noch nicht in NYC war. Auch (“Hier sind die Nesseln! Bitte nehmen sie Platz Frau Piepenkötter!”), wenn mir Eltern sagen, sie müssen ihr Kind ganztags in die Fremdbetreuung geben, weil sie auf das Geld von zwei vollen Gehältern angewiesen sind. Ich verurteile bei Gott keinen berufstätigen Eltern, aber auch die haben oftmals die Wahl und treffen diese bewusst. Für den Job und gegen “stay at home”, für das gute Gehalt, die verdiente Anerkennung, die Reisen, das Haus, das zweite Auto. Dann kann und sollte man halt eben auch mal sagen und sich nicht zum Opfer der Umstände stilisieren. Klar, die gibt es auch. Aber die meisten entscheiden sich bewusst (und völlig legitim) für das eine oder das andere. Und auch wenn es ja so gar nicht angesagt ist, möchte ich denen die es anders wollen würden, Mut machen, sich eben auch anders zu entscheiden. Tut was ich für EUCH gut anfühlt! Hört auf euch. Als Person, Paar, Familie. Hört auf euer Kind. Denkt daran, wo eure Priorität liegt. Und wenn es sich richtiger anfühlt, dann pfeift auf den Krippenplatz, den Kanadaurlaub und den dritten Wollwalkanzug. Und wenn es sich gut anfühlt, dann greift euch den Krippenplatz und startet durch. Ihr habt die Wahl! Entscheidet euch und steht dahinter!

    Kann eigentlich irgendwer verstehen, was ich hier sagen wollte? Uff.

    Liebste Grüße

    Vanessa