Ab wann ist persönlich zu privat?

Okay, okay, ich weiß, eigentlich hatte ich euch hier und heute einen Beitrag zur “Refertilisation” versprochen. Jetzt sind aber nach den letzten drei Blogposts ein paar Kommentare bei mir angelandet, die durchweg nett und/oder respektvoll waren, aber die in mir das Bedürfnis wecken auf einen Aspekt dieser Geschichte, dieses Blogs und meiner Persönlichkeit genauer einzugehen.

Grenzenlose Offenheit?

Ich räume ein, nein, ich weiß, dass ich ein sehr offener Mensch bin. Redselig. Schwatzhaft. Manchmal geradezu gnadenlos ehrlich, vor allem wenn es um mein Seelenleben und meine Gefühle geht. Das passiert mir nicht aus Versehen oder gar unbedacht. Im Gegenteil. Über die Dinge die mich beschäftigen zu reden und Gefühle und Probleme dabei ehrlich zu benennen ist ein sehr, sehr wichtiger Teil meiner Selbstfürsorge. Für mich ist es sehr ungesund, Dinge in mich reinzufressen. Ich bin empfindlich, mache mir Gedanken, reflektiere und bewerte fortwährend den Kontakt und die Themen um mich herum. ich habe gelernt, dass ich wesentlich ruhiger, zufriedener, glücklicher bin, wenn ich die Möglichkeit habe über meine Gefühle und Probleme zu sprechen.

Ein Geschenk

Diese Erkenntnis ist für mich ein Geschenk, dass mir hilft mich gesund zu erhalten. Und aus meiner Sicht, schenke ich es weiter, wenn ich meine Gedanken nicht nur der besten Freundin oder dem Partner zugänglich mache, sondern auch anderen, die vielleicht nicht so offen über manches sprechen können, wie ich es tue. Die sich verstanden oder weniger allein fühlen oder die durch das was ich anspreche verstehen können, was jemand anderer fühlt. Wenn wir von #mehrrealitätaufinstagram sprechen, wir können es gern auch gleich auf die Gesamtsituation und nicht nur auf Social Media oder Teile davon beziehen, dann wünsche ich mir nämlich eigentlich weniger Wäscheberge und chaotische Kleiderschränke und dafür mehr Ehrlich-, Fehl- und Nahbarkeit.

Jeder für sich…

…kann seine Grenze ziehen. Jeder entscheidet selbst, was für ihn noch geht und ab wann es zu sehr ins Eingemachte geht. Ich finde nicht, dass in dieser Hinsicht hundertprozentige Ehrlichkeit zu hundertprozentiger Ehrlichkeit verpflichtet. Das darf jeder für sich entscheiden und bitte auch die Privatsphäre der beteiligten Personen dabei nicht ausser Acht lassen. Das tue ich nicht und es gibt Geschichten, die pathetisch gesagt “mein Leben schrieb”, die ihr hier nie lesen werdet, weil es eben auch die Geschichten anderer Menschen sind und ich abgewogen und entschieden habe, das es nicht richtig oder fair wäre, sie hier zu teilen.

MehrWERTvoll

In den letzten Beiträgen, als es um meinen unerfüllten und einseitigen Kinderwunsch ging, ging das für manche über ihre Grenze hinaus. Für mich nicht. Ich weiß noch, wie froh ich war, als ich irgendwann mal Halimas Beitrag dazu las und wie sehr ich mir darüber hinaus gewünscht hätte, von jemandem zu lesen, dem es auch so geht wie mir. Und wenn es nur gewesen wäre um meine Gefühle zu relativieren. Meine Texte und ich können das jetzt eventuell für jemanden sein und darüber freue ich mich. Und ich schreibe auch über die Refertilisation, denn als wir uns als Paar auf den Weg gemacht haben, das in Angriff zu nehmen, da habe ich sehr lange und vergeblich nach Erfahrungen im Netz gesucht. Nicht mal in den einschlägig bekannten Internetforen in denen man sich ja eigentlich zu jedem Thema und jeder Lebenslage seine Portion Besserwisserei und Horrorstories abholen kann.

Wenn das mein Kind liest!

Wenn das irgendwann mal meine Tochter lesen wird, wird sie wissen, dass sie unglaublich gewünscht war. Nicht, dass sie sich das je fragen müssen wird. Sie wird dann schon lange wissen, das ihre Eltern echte Menschen sind. Mit Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen, Sorgen, Nöten und ohne zementierte Meinungen zu allen Themen dieser Welt. Familien entstehen oder wachsen heutzutage auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen. Adoption, Pflegschaft, Patchwork, verschiedenste Kinderwunschbehandlung und manchmal ist eben auch ein Androloge beteiligt. So wie bei uns.

Ein anderer Schnack wäre es für mich übrigens, wenn ich diese Geschichte aufschreiben würde, um damit Kasse zu machen. Wenn ich sie an einen Windelhersteller oder das allgegenwärtige Unternehmen mit den Zyklustrackern verkauft hätte. Aber so bin ich nicht. Wer genau hinsieht bemerkt, dass die meisten meiner Texte keine nennenswerten bis überhaupt keine Seo Bemühungen enthalten, ich teilte sie nicht bei Facebook oder verlängerte die Reichweite durch ein Bild im Instafeed. Ich pinne meine Gefühle nicht auf Pinterest, verhashtagge nicht und verlasse mich voll und ganz darauf, dass bei den 1200 Leuten die im Durchschnitt meine Story sehen, ein paar dabei sind, denen ich weiterhelfen oder ein ein bisschen besseres Gefühl machen kann. Reicht mir. Für mich ist es wichtig, das es “raus” ist. Darauf, dass es am Ende auch von den Richtigen gefunden wird, vertraue ich einfach.

Wenn das der Postbote liest!!!

Erstaunlicher Weise ist es für viele noch ein viel größeres Drama, was wäre, wenn Menschen aus meinem persönlichen Umfeld davon lesen. Also, die Nachbarin, die Kitaeltern, der Gemüsemann, die Postbotin. Und da möchte ich nochmal auf den unbestreitbaren Vorteil dieser Offenheit hinweisen. Wenn das alle Menschen hier in Hagenburg lesen, wird mich hoffentlich keiner mehr fragen, ob ich mich denn freue oder ob es geplant war. Also dürfte es auch im Edeka am schwarzen Brett hängen. Für mich ein absoluter Vorteil, denn diese blöden Fragen bringen mein Hormon-ich ziemlich auf Krawall.

Und man möge sich einfach mal vorstellen, man könne ganz offen über den unerfüllten Kinderwunsch, den nicht existierenden Kinderwunsch, die erlebte Fehlgeburt oder den Struggle mit der Vereinbarkeit sprechen. Man würde sich selbst vor dämlichen Nachfragen schützen, müsste nicht mühevoll versuchen den Schein zu wahren und käme vielleicht sogar mit denen ins Gespräch die helfen können, wo Hilfe gebraucht wird. Sei es durch Zuhören, Teilhaben oder echte Lösungsansätze aus eigener Erfahrung. Das wär schon was. Und solange das viele einfach noch nicht können oder wollen, zieh ich hier fröhlich weiter blank. In diesem Sinne!

Liebste Grüße

Vanessa

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