Alte Eier- Eine Geschichte vom Älter- und Elternwerden: Wenn nur eine(r) noch ein Kind will… (3/3)

Was bisher passiert ist findet ihr hier ( Teil 1 ) und hier ( Teil 2 ).

Dieser Einschnitt (wie doppeldeutig!) brachte aber alles andere als die gewollte Endgültigkeit und die Möglichkeit endlich abschließen zu können. Eher im Gegenteil. Er brachte gab meinem “Struggle” eine ganz neue Qualität. Meine Wut und Traurigkeit richtete sich plötzlich vornehmlich gegen mich selbst. Warum bin ich nicht in der Lage es gut sein zu lassen? Warum kann ich seine Entscheidung akzeptieren, aber scheinbar nicht deren Konsequenz? Warum habe ich die Sterilisation zugelassen? Wie kann ich soviel Grossartiges in meinem Leben haben und trotzdem so unglücklich damit sein? Was stimmt nicht mit mir?

Meine Unfähigkeit die Sache ruhen zu lassen, wurde MEIN GROSSER FEHLER, den ich trotz allem, trotz Aussichtslosigkeit und wider besseren Wissens, nicht ausmerzen konnte.

Die Zeit heilt alle Wunden. Oder?

Kurz nach der Sterilisation wurde Niklas sehr krank. Lebensbedrohlich krank. Und da gab es den allerersten ( und rückblickend einzigen) Moment, in dem ich sehr dankbar war, nur Mutter zweier Kinder zu sein. Plötzlich ging es nicht mehr darum, uns zu erweitern, sondern das was wir waren, eine Familie von 4, nicht zu verlieren. Meine Angst war unglaublich. Viel größer als die Wut und Traurigkeit es je gewesen waren. Und trotzdem, als es ihm wieder besser ging, kamen alle anderen Gefühle wieder zurück.

Damals fing ich zu bloggen an. An einem türkischen Hotelpool beschloss ich, dass ich mich nicht immer wieder hängen lassen dürfe, sondern etwas finden müsse. Für mich. Etwas wo ich Dinge rauslassen kann und das die Leerstelle in meinem Herzen füllt. Und es war gut so, aber es hatte niemals die erhoffte Wirkung. Ich hätte ein drittes Kind immer noch allem was kam und was ich erlebte vorgezogen. Ich überlegte, ob Reisen vielleicht die Antwort wäre. Oder Klamotten. Ich stürzte mich in die Arbeit, bildete mich fort und fort. Und trotzdem verschwand ich bei Schwangerschaftsbekanntgaben im Freundeskreis oder in der Kita immer wieder für 5 Minuten auf die Toilette um mein freudiges Gesicht zu suchen.

Ich will nicht unnötig dramatisieren. Es ist schon irgendwann erträglicher geworden. Die ganz schwarzen Tage wurden weniger. Aber der Wunsch an sich, der ging nie weg, es fühlte sich nie leichter an. Auch dann nicht, als ich begann innerlich auf die 40 zu zu maschieren. Als mein Kinderwunsch erst 10 und dann 11 wurde. Wie sagt man so schön: Es wurde anders, aber nicht besser!

Meine Leerstelle

Die Leerstelle im Herzen blieb. Ich stellte mir immer noch vor, mit meinen drei erwachsenen Kindern und ihren Familien Weihnachten an einem langen Tisch zu sitzen und fragte mich, ob es wohl Junge oder Mädchen gewesen wäre und wie es gewesen wäre die tiefenentspannte “been there / done that” Mutter zu sein. Ich mied die Babyabteilungen in Kaufhäusern und blickte den gefühlt frischentbundenen Babys in ihren Tragetüchern im Ikea wehmütig nach. Und manchmal, auch wenn ich eigentlich nicht denke das ich ein missgünstiger Mensch bin, quälten mich auch “Warum die? Warum nicht ich?” Gedanken. Leider.

Jetzt mal ehrlich…

Wenn ich in den ganzen Jahren etwas gelernt habe, dann war es vielleicht, diese Dinge in meiner Partnerschaft direkt anzusprechen. Meinem Partner meine Gefühlslage transparent zu machen. Zum Schutz. Meinem eigenen und dem unserer Beziehung.

Letztes Jahr im November saßen wir an einem Sonntag zu einem Waffeldate bei Freunden. Ihr Vierjähriger tobte mit dem Hund um uns rum und erklärte uns wortreich und eindrücklich, das “Schild und Schwert” die beste Waffe seien ( nicht zu verwechseln mit “Schwert und Schild”! Bloss nicht!). Und während wir Frauen klischeehaft enthusiastische Gespräche über Weihnachtsdekoration führten, hörte ich am anderen Ende des Tisches meinen Mann einen folgenschweren Satz zu seinem Freund sagen.

“Wenn wir nochmal ein Kind bekommen…”

Und so kam es, dass ich nach einem schönen Sonntagnachmittag bei Freunden mit schwerem Herzen nachhause kam und das Bedürfnis hatte, meine Gefühlslage noch mal ganz klar zu machen. Der Satz hatte mich verletzt. Das war für mich unfaires Spiel mit meinen Gefühlen. Ich wollte nicht, dass etwas so formuliert werden würde, als gäbe es noch eine Hoffnung. Genauso wenig wie ich in den letzten Jahren zuließ, dass er Sätze sagte wie “Wir wollen keine Kinder mehr!”. Ich wollte weder das eine, noch das andere hören. Oder fühlen. Und dieser scheinbar so gedankenlos dahin gesagte Satz, zog mich runter. Tief runter.

“Tu das nicht! Mach damit keine Witze! Kratz nicht an etwas, dass gefühlt sowieso nie heilt. Mach es bitte nicht noch schlimmer für mich, in dem du mit Hoffnung gibst. Und sei sie noch so klein. Sei bitte fair! Nimm Rücksicht. Ich habe akzeptieren müssen, dass du diese weitreichende Entscheidung über mein Leben gefällt hast. Aber ich muss und will nicht akzeptieren, wenn auf meinen Gefühlen derart rumgetrampelt wird!”

“Und wenn das kein Witz war?”

“Du bist sterilisiert!”

“Das kann man rückgängig machen!”

Mein 39. Geburtstag liegt knapp vor uns. Mein Mann ist sterilisiert. Unsere Kinder sind 11 und 15. Er hat gerad den Job gewechselt. Ich stecke mitten in einer Langzeitweiterbildung. Wir haben nur zwei Kinderzimmern und ich fahre ein Beetle Cabrio. Ich wollte nie eine “späte Mutter” sein. Er kein später Vater.

Ach, wen kümmerts!

P.S.: Ich weiß, dass viele sich gewünscht haben, hier etwas über die Gründe zu erfahren, warum mein Mann sich nach all dem, der Zeit und der OP etc., noch einmal umentschieden hat. Das hier ist aber meine Geschichte. Nicht seine. Ich bin der Mensch, der seine Gedanken und Gefühle gern bereitstellt, damit andere sie lesen können. Nicht er. Darum bitte ich euch um Verständnis dafür, dass ich dazu nichts sagen kann und werde.

Teilen ist toll!

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3 Comments

  • Reply
    Martina
    27. September 2019 at 10:22

    Die spannendste, traurigste und zugleich schönste Geschichte EVER zu diesem Thema!
    Ich ahne, warum er sich umentschieden hat. Aber auch das behalte ich für mich 🙂

    LG, die wohl stillste Leserin aber große Bewunderin
    Martina

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      29. September 2019 at 15:04

      Dankeschön <3

  • Reply
    Rebecca
    28. September 2019 at 08:06

    Natürlich erkläre ich euch für verrückt – gerade in der einer Verschnaufpause der Elternschaft angekommen und dann – na was? – genau – ein Wunder zu zaubern. Also sei im klaren, dass eine Deiner Folgschaften vom Blog oder auf Insta nachts beim Wickeln immer an Deiner Seite sein wird (da auch wach) oder mit Dir heulend im Wäscheberg sitzt. Alles erdenklich Liebe … Denn wenn aus Liebe Leben wird ist es immer – ja was? – genau – ein Wunder 🍀

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