Dazwischen

Fehlgeburt Frau Piepenkötter
Triggerwarnung: Fehlgeburt/ Verlust

In diesem Text geht es um meine Fehlgeburten. Ich würde ihn nicht lesen, wenn ich schwanger wäre oder einen Kinderwunsch hätte. Auch nicht, wenn ich eine Erfahrung mit Verlust gehabt hätte, die ich noch nicht „ausreichend“ bearbeitet hätte und für die ich auch derzeit keine Kapazität hätte. Das solltet ihr auch nicht tun, denke ich. Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich meine privaten Probleme gern in der Öffentlichkeit breit trete, sondern weil es mit hilft mit den Dingen fertig zu werden, wenn ich die Gedanken dazu sortiert an die (digitale) Luft bringen kann und weil ich immer denke, dass jede schlimme Erfahrung dann wenigstens irgendwie Sinn macht, wenn sie jemand anderem in der gleichen Situation weiterhilft oder einfach nur zeigt, dass er/sie nicht allein ist. Oder in diesem Fall:Nicht betroffene Menschen für den Umgang mit betroffenen Eltern sensibilisiert.

„Sag, wie fühlst du dich?“

Das ist die Frage, der ich im Moment sehr gern aus dem Weg gehe. Ich bin nicht glücklich, auch wenn es am Tag viele Glücksmomente gibt. Ich bin nicht (nur) traurig, auch wenn es viele Momente des Innehalten und der Trauer gibt. Ich bin dazwischen.

„Wann war das denn mit der Fehlgeburt?“

Um es in einen aktuellen Kontext zu bringen: Eine Fehlgeburt funktioniert nicht so, wie „Instagram is down“. Es ist nicht so, dass eben noch alles okay war und plötzlich geht nichts mehr. Es ist nicht so, dass man auf dem Ultraschall in einem Moment noch sein Kind sieht und im nächsten erlischt der Teil des Bildes und das Baby ist weg, so als hätte jemand umgeschaltet. Zumindest ist es das für mich nicht. Es ist eher ein Prozess. Für mich wohl vor allem deshalb, weil mein Körper ein weiteres Mal die Sache selber regeln will. Und das geht nicht von jetzt auf gleich. Das dauert. Tage und manchmal auch Wochen. Bis aus der kleinen die große Blutung wird, die Schmerzen erst stärker und dann schwächer werden und dann auch die offensichtlichen körperlichen Symptome nach und nach nachlassen. Wie lange die Seele braucht, dass weiß ich nicht. Nicht so richtig.

„Und macht ihr jetzt weiter?“

Ich habe mehrfach in den letzten tagen überlegt, ob ich diese Frage wohl selbst schon mal wem gestellt habe. Oft wird man sich ja erst der Wirkung solcher Fragen oder Sätze bewusst, wenn man selbst emotional involviert ist. Uff! Dieses Weitermachen… es klingt so als hätten wir zwar heute das Match verloren, aber die Saison sei ja noch lang. Das klingt in meinen jetzt emotional involvierten Ohren ein bisschen sehr belanglos, denn für mich (oder uns) ging es ja um unser Kind. Einen Menschen, der, egal wie groß oder klein, uns mehr als willkommen war und auf den wir uns gefreut haben.

„Es war ja auch noch sehr früh!“

Meine Fehlgeburt im Juni 2019 hatte ich in der 5. Woche. Wenn ich gefragt wurde, wie weit ich denn war, habe ich immer ne Woche drauf geschlagen, denn ich konnte den Satz nicht mehr hören. Auch dieses Mal machte ich aus der siebten Woche automatisch die achte Woche, in der unbewussten Hoffnung die magische Grenze überschritten zu haben, aber der es für andere nachvollziehbar traurig war, sein Kind zu verlieren. „Es war ja auch noch sehr früh“ hat eben nichts mit der Realität der Eltern oder auch Familien zu tun. Auf das Kind, dass ich 2019 verlor, hatte ich schon 10 Jahre gehofft. Und selbst wenn nicht, hat niemand das Recht mir diesen Menschen oder meine Liebe für ihn kleinzureden, zu relativieren oder abzusprechen. Und genauso ist es dieses Mal. Punkt. Und wo wir gerade dabei sind: „Aber ihr habt ja drei gesunde Kinder!“ kommt aus der gleichen Ecke. Ja, haben wir. Und wir sind sehr glücklich darüber und dankbar dafür. Aber das eine hat mit dem anderen NICHTS zu tun. Sorry.

„Irgendwann denkst du nicht mehr dran!“

Ja, wäre schön, aber so funktioniert das mit der Trauer nicht. Ich meine, Opa vergisst man ja auch nicht einfach. Da sind Geburtstage und andere Jahrestage. Und anders als bei Opa bleibt Eltern die ihr Kind in der Schwangerschaft verloren haben sehr wenig. Kein Fotoalbum, meist kein Grab, keine Erinnerungen an die schönen Zeiten, gemeinsam Erlebtes. Dieses Kind hinterlässt Daten wie „Als wir von dir erfuhren“, „Als wir zum ersten mal deinen Herzschlag hörten“, „Als wir dich verloren“, „heute hättest du geboren werden sollen..“, „Jetzt wärst du schon XX Jahre alt!“. Und all diese Daten sind vermutlich mit dem Gefühl der Trauer besetzt.

Ich bin jetzt irgendwo dazwischen…

Ich bin nicht mehr schwanger, aber so richtig umschwanger bin ich auch noch nicht. Mein Kopf und mein Herz hängen irgendwo dazwischen. Ein bisschen wie Tage zwischen Weihnachten und Silvester. Zuviel Schokolade, zu wenig Bewegung. Nur leider ohne Idee was als nächstes kommt. Keine Pläne fürs neue Jahr, keine guten Vorsätze. Ich zirkel ziellos durch den Orbit und versuche mit nichts und niemandem zu kollidieren. Immer schön auf Abstand.

Ich bin froh, dass es dieses mal bei uns zuhause passiert ist. Das war, so bitter es klingt, gut für mich. Auch das die Frauenärztin rational von der medizinischen Seite aus sagt, es sei gut, wenn der Körper noch entscheiden könne, ob ein Kind nennen wir es mal „für diese Welt gemacht sei, oder nicht“ soll ich als positiv bewerten. Okay. Alles darüber hinaus kann und will ich nicht einordnen. Oder nicht aussprechen. Denn auch das habe ich gemerkt: Jeder Mensch hat basierend auf seiner individuellen Vorerfahrung ( oder der Tatsache das er eben keine hat) eine sehr genaue Vorstellung davon, wie ich mich jetzt zu fühlen und zu verhalten habe. Sehr sehr genau. Aber sie haben kein Recht dazu, denn meine Trauer und meine Gefühle gehören mir. Ich kann alles fühlen und im nächsten Augenblick nichts. Ich kann die Trauer Monate vor mir hertragen wie ein Schwert oder morgen schon so tun, als sei nie etwas gewesen. Nichts ändert etwas daran, was ich jetzt fühle und niemand hat das Recht das zu bewerten. Punkt.

Liebste Grüße

Vanessa

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