Herz/ Kopf/ Blog: Über 16 Jahre Mutter-sein, die Wichtigkeit des Bauchgefühls und ein Wunschzettel…

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Ich habe es eigentlich nicht so oder zumindest nicht sehr mit so Sentimentalitätsgedöns. Eigentlich. Die große Ausnahme bildeten hier schon immer, wie soll es anders sein, meine Kinder. Und jetzt, etwas mehr als eine Woche vor dem 16. Geburtstag meiner großen Tochter merke ich gerade mal wieder, wie dieses Glas Sentimentalität in mir sich mit aufblitzenden Erinnerungen und Gefühlen anfüllt und beginnt ab und an mal über den Rand zu schwappen. Wie es sich so für eine Mutter gehört. So ab und an.

Damals, als ich und das Internet noch jung waren…

Gefühlt habe ich Maja in einem anderen Jahrhundert geboren. Was ich, damals 22, über das Schwanger sein oder das Mutter sein und Kindererziehung wusste, hatte ich erlebt und nicht gelesen, gelernt oder im Fernsehen gesehen. Es waren keine Erste-Hand-Erfahrungen, aber was ich als Kind, als Geschwisterkind, als Nachbarskind, als Kindergartenkind und Schulkind über diese Dinge gelernt habe und vor allem wie, war ja doch etwas stark anderes als es heutzutage ist.

Ich habe Erfahrungen durch Beobachtungen gesammelt, ich habe sie mit Gefühlen verknüpft und selbst in mein eigenes Wertsystem einsortiert. Als ich dann selbst Mutter wurde, hatte ich nach eigenem Empfinden keine Ahnung, aber zumindest dieses Bauchgefühl. Und Bauchgefühl, so kann man es tatsächlich benennen, ist für mich DIE zentrale Elternfähigkeit. Ein gutes Bauchgefühl und den Mut auch darauf zu hören sind für mich, jetzt 16 Jahre später rückblickend betrachtet und auch vor dem Hintergrund meiner nachträglichen Professionalisierung im Kinder”Erziehungs”Business, die Fähigkeiten die ein Mensch braucht um ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein.

Früher war alles besser

Es ist nicht so, dass es in den ersten 2000er Jahren nicht auch schon das Internet gab. Und Experten. Und Erziehungsratgeber. Aber ihre Präsenz war eine andere. Was mir auf meinem Weg als Mutter mit ebenso wohlmeinenden , wie aber auch nachdrücklich vorgebrachten guten tipps im Wege stand, waren ältere Familienmitglieder. Die Mutter der vorangegangenen Generationen, die sagten, man dürfe das Kind nicht immer hochnehmen, Schreien kräftige die Lungen, alle vier Stunden stillen reicht und wer nicht ausreichend an Gewicht zulegt, der kriegt dann und wann mal ein Fläschchen mit Mondamin (ja, so habe ich auch geguckt!). Als 23jährige alleinerziehende junge Mutter hat mich das schon verunsichert. Ich hatte doch keine Ahnung und ich konnte es mir doch auch ernsthaft nicht leisten, das hier zu verbocken. Die wichtigste und beste Aufgabe, die mir je übergeben wurde. Und trotzdem war die Anzahl und die Allgegenwart dieser Ratgeber, “Besserwisser” und Experten eine völlig andere als heute.

Heute gibt es nur noch Experten

Nehmt es mir nicht krumm, wenn es euch selbst betrifft, aber wenn ich so durchs Internet streife sehe ich es schon als problematisch an, dass heutzutage jede Bürokauffrau die nach der Elternzeit nicht wieder in den Job zurück wollte und mal einen Kurs zur Babymassagekursleitung/ Trageberaterin/ Montessori-Spielgruppenleitung gemacht hat plötzlich selbsternannte und -erklärte Expertin für beziehungs- und bedürfnisorientierte Eltern-Kind-Interaktion ist und als Coach oder in Kursen ein scheinbares Wissen weitergibt, das weit über die ihr von Experten vermittelten Kenntnisse in obergenannten (zertifikats-)Kursen hinaus geht. “Ich bin mit ganzem Herzen Mutter” befähigt dich zu eben diesem Job: Mutter sein. Meinetwegen auch noch dazu, dir nahestehenden Personen einen guten Rat zugeben, wenn sie ihn denn wollen. Aber leider nicht dazu. andere Eltern zu beraten und zu schulen und ihnen damit ihr eigenes Gefühl zu nehmen und durch deins zu ersetzen.

Kurze Nestbeschmutzung….

Das gleiche gilt für mich übrigens…dünnes Eis… für Blogger und Youtuber etc. die nach 2 Monaten eigener Elternschaft zum Muttertag Beiträge raushauen in denen sie erklären, wie man mit schnellen und einfachen Mitteln eine bessere Mutter wird oder glücklichere Kinder hat.

Nehmen wir dazu die Vielzahl der echten Experten, die wirklich guten und sinnvollen Veröffentlichungen zum Thema und die fast größte Gefahrenquelle für das elterliche Bauchgefühl, die Internetforen, dann kommt es mir gar nicht mehr komisch vor, wie häufig Kinder heute mit ambivalentem Elternverhalten klarkommen müssen. Dann erklärt sich mir, warum manche Kinder nicht wissen, wohin mit sich. Und auch, dass viele Eltern so fertig und völlig überfordert sind mit “der Aufgabe Kind”. “Erziehung” ist keine auf Gefühlen basierende Interaktion zwischen Eltern und Kind mehr, sondern eine Industrie.

Ich neige mangels künstlerischer Fähigkeiten zu sprachlichen Verbildlichungen und stelle mir hier gern eine Mutter oder einen Vater mit Säugling im Arm vor und jeder vermeintliche “Besserwisser” mit dem er über den Tag zuhause, am Gartenzaun, in der Kita, im Job, beim Kinderturnen, auf Instagram, bei Facebook, auf Blogs, in Büchern und an vielen orten mehr, konfrontiert wird ist eine laut rufende, ihm zugewandte Person. Manche haben einen lieben, manche einen neutralen, andere einen eindringlichen und manchmal schön bösen Gesichtsausdruck. Wie mag sich diese Figur in der Mitte fühlen? Wieviel Vertrauen kann sie in sich selbst und ihr Kind haben, wenn ihr ständig vermeintliche Fehler und “Kleine Optimierungsangebote” zugerufen werden? Schwierig.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

Versteht mich nicht falsch, ich glaube in der Regel nicht, dass jemand aus Profitgier als selbsternannter Experte lostingelt um sein kurzfristig erworbenes Halbwissen an andere Eltern zu verteilen und damit in bare Münze umzuwandeln (oder auch nicht). Ich bin mir sicher, diese Menschen glauben einen guten Weg für das Miteinander mit Kindern gefunden zu haben und wollen diesen Schatz, den sie gehoben haben, nun gern an andere Eltern weitergeben, aber wenn ich etwas im Alltag mit Klein(st)kindern (oder auch mit Menschen im Allgemeinen) gelernt habe, dann das es eben nicht den einen Weg gibt. Meine Oma, die Mutter in der Nachkriegszeit war, hatte auch nur gute Erfahrungen mit dem Zufüttern von Mondamin gemacht. Das waren andere Zeiten. Aber was sich auf “andere Zeiten” anwenden lässt, gilt eben oft auch für “andere Menschen”. Was für dich und dein Kind der richtige Weg war, was sich so gut und befreiend anfühlt und hervorragend funktioniert, kann einfach beim nächsten komplett falsch sein und nach hinten losgehen. Mal genau abgesehen davon, wie schädlich es eben für dieses Bauchgefühl und damit für die Kinder ist, wenn man an jeder Straßenecke den Weg, die Haltung und die Meinung anderer Menschen quasi ungefragt vor den Latz geknallt kriegt.

Ich wünsch mir was…

Würde ich mir zum 16. Jubiläum meiner Mutterschaft etwas wünschen dürfen, dann wäre es die Rückkehr des Bauchgefühls. Das wir Eltern mit unseren Kindern nicht mit sandfarbenen Latzhosen und Ballonmützen Bullerbü inszenieren, sondern mutig genug sind, ihnen und uns mit Liebe und Vertrauen ein freies Aufwachsen und Reinwachsen in diese Welt und die Elternschaft zu ermöglichen. Frei von Verunsicherungen, Zwängen, Angst und Druck. Sowohl auf Kinderebene, als auch für die Eltern. Respektiert einander, achtet eure und die Bedürfnisse des Anderen, vertraut einander, seid einander in Liebe zugetan und den Rest, den lasst einfach mal so laufen. Das wird schon! Hat bei uns zumindest ganz gut funktioniert 😉

Das wollte ich euch nur mal gesagt haben.

Liebste Grüße

Vanessa

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8 Comments

  • Reply
    Babsi
    22. April 2019 at 10:38

    Word.

  • Reply
    Mina
    22. April 2019 at 10:41

    Liebe Vanessa,
    genau unser Thema… unsere Krabbelgruppen Leiterin war Ergotherapeutin und hat wenn man den Wunsch äußerte Hinweise gegeben … sehr wertvoll. Nun sind wir mit 15 Monaten in einer Spielgruppe von einer Mami die wie du beschrieben hast es „einfach mal macht“ über die nicht vorhandene Struktur der Stunden will ich mich gar nicht beklagen. Viel eher über die Aussagen „meine kleine wollte leider keine Comicserie gucken ich war so traurig“ oder „Manchmal isst sie ne ganze Packung Schinken am Tag“ mit 14 Monaten vll nicht die optimale Ernährung.
    Selbst wenn man das so handhabt, sollte man doch bitte nicht davon erzählen in einem Raum wo man für das pädagogische Personal gehalten werden könnte…. 🙁

  • Reply
    Marion Stukenbrock
    22. April 2019 at 12:31

    Mein erstes Kind kam 1977 zur Welt. Wir lebten damals in einer WG auf einem Bauernhof. Es wurde auch damals viel über Kindererziehung diskutiert aber ich hab den Eindruck, das es damals wirklich noch um das Kind ging . Ich will jetzt nicht sagen, früher war alles besser aber das Internet hat schon viel mit den Eltern gemacht. Ich beneide die heutigen Eltern nicht um ihren Job
    Mir war es schon damals ein Graus, beim Mutter-Kind-Turnen, die Kinder bei ihren Leistungen zu vergleichen und habe solche Veranstaltungen gemieden. Heute hab ich den Eindruck, Kinder, die ihr Abitur nicht schaffen, sind gescheiterte Kinder, die es im Leben schwer haben werden und ihre Rente nicht zusammen bekommen werden. Wenn sie es geschafft haben, dürfen die sich auch noch eine Auszeit gönnen, die dann nach Australien oder Neuseeland führt. Gutes Kind, mit einer glanzvollen Karriere vor sich. Der einzige Handwerker, der sich das leistet, ist der Zimmermann :)) Ein schlechter Einstieg für die Kinder, zufriedene und glückliche Erwachsene zu werden. Wir sollten unseren Kinder mal wieder mehr Ruhe gönnen.
    Liebe Grüße, liebe Vanessa

  • Reply
    Katja
    23. April 2019 at 12:27

    Amen! Sehr guter Text! Danke dafür!

    Und ich erinnere mich noch genau an meine Hilflosigkeit die ersten paar Tage nach der Geburt, in denen ich jeden Informationsfizzel gierig aufgesogen habe – und dann irgendwann kam der Punkt, an dem ich gedacht habe: “Ihr könnt mich alle mal! Wir machen ab sofort, was WIR für richtig halten!” Und seither läuft es – mit den üblichen Aufs und Abs. Aber der Gewissheit, dass wir schon genau wissen und/oder bemerken, wann wir wieder an einem Schräubchen im Familiengeflecht drehen müssen. Das Wie und in welche Richtung müssen auch wir immer wieder neu heraus finden – mit einer guten Portion Selbstreflexion, denn oft genug kommt man ja als Eltern gar nicht mit, weil die Kinder mal wieder auf der EntwicklungsÜberholspur sind.

    Informationen von fachlicher (!) Seite waren für mich immer wichtig. Aber ich bevorzuge nach wie vor Literatur, die nicht MIR sagt, wie ich mich verhalten soll, sondern mir faktisch erklärt, was in meinem Kind gerade los ist/sein könnte. Und dann liegt es uns Erwachsenen, daraus die Schlüsse zu ziehen, die für uns als Familie hilfreich in dieser Lebenssituation sein könnten…

    Habt eine wundervolle Party die Woche! Und vergess dabei nicht, auch Dich zu feiern! Hooray!

    Liebe Grüße,
    Katja

  • Reply
    Emma
    23. April 2019 at 16:09

    Wow Vanessa, danke für den Text. Jetzt ist mein großer 15 und ich ertappe mich oft wie ich es kaum glauben kann, dass er so groß und so wundervoll geworden ist (natürlich sind nicht alle Tage stressfrei..aber im Großen und Ganzen doch) . Und ob da an uns als Familie lag oder er einfach weil wir Glück hatten. Und damals als ich Mutter wurde kannte ich noch keine Blogs und keine Ratgeber.. doch ein Buch über das Stillen habe ich mir gekauft.. .naja am Ende war dann bei allen drei Kindern alles immer komplett anders und ich hab mich dank meinem Bauchgefühl irgendwie da “durchgewurschtelt”. Und im Nachhinein denke ich oft, wie gut dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe. Ich ermutige alle in meiner Familie mehr auf seinen Bauch zu hören als auf das was andere evtl. sagen.. Und oft sagen die anderen ja keine doofen Sachen machmal sogar ganz tolle.. .und der Bauch ist ein ganz guter Indikator ob es für einen passt oder nicht. Fühl dich lieb gegrüßt… Emma

  • Reply
    Beatrix
    26. April 2019 at 12:20

    Hallo Vanessea,
    dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Genauso geht es mir in meinem, zu Zeit nicht mehr ausgeübten Beruf als Hebamme, wo auch jeder, der ein Kind geboren hat über alles Bescheid weiß und gerade im Wochenbett alles weiß und von sich gibt!
    Auch hier in Schwangerschaft, Wochenbett und die Zeit danach, ist das Bauchgefühl soviel mehr gefragt, als Internet und manch schlaue Ratgeber!
    Hoffentlich erinnern sich einige daran und sonst muss man es einfach immer wieder wiederholen!
    Liebe Grüße und herzlichen Dank für Deine Worte!
    Gruß Beatrix

  • Reply
    Neu und bemerkenswert im Mai 2019 | tastesheriff
    3. Mai 2019 at 07:23

    […] Die größere  ist vorgestern 16 Jahre alt geworden.  In ihrem emotionalen Blogpost ruft sie zu mehr Bauchgefühl als Eltern auf. Ach ich mag den Artikel, denn er spricht mir sehr aus der […]

  • Reply
    Schmerer Elke
    7. Mai 2019 at 00:14

    Genauso ist es. Ich bin immer oder zumindest fast immer nach dem Bauchgefuehl gegangen. Jedes Kind ist anders. Aus diesem Grund musst du auch manchmal anders reagieren. Zu meiner Zeit war gerade das Buch jedes Kind kann Schlafen lernen en vogue. Dort sollte man das Kind ins Bett legen und schreien lassen… Erst 5 Minuten und dann die Zeiträume immer stueckweise verlängern. Ich fand es nur gruselig. Ich habe mein Kind zu uns ins Bett geholt und irgendwann war das Thema durch. Es gab später nie Probleme beim Einschlafen. Für unsere Kinder war das die richtige Entscheidung. Gegen den Ratschlag meiner Mutter oder vielen anderen Mütter. Dies ist nur ein Beispiel von vielen. Eine Entscheidung aus dem Bauch heraus ist meistens die beste. Diese Erfahrung habeich in allen Lebenslagen bisher gemacht z. B. bei der Wohnungssuche oder im Job.
    LG

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