Herz/Kopf/Blog: Gesicht zeigen, zuhören und Worte finden gegen Diskriminierung!

Frau Piepenkoetter I Gegen rechts

Es ist was komisches passiert. Also mir. Angefangen hat es damit, dass der Mann vorgestern Abend „Late Night Berlin“ schaute und ich am Rande mitbekam, wie sie die Aktion #unfollowme anschnitten. Eine Aktion in der man öffentlich darum bitten sollte, dass alle Menschen die rechtes Gedankengut in sich tragen, weitergeben oder verteidigen bitte „entfolgen“ sollten. Ich kannte bereits die „Scanner“ mit denen man seine Freundesliste bei Facebook nach AfD-Sympathisanten durchsuchen konnte um sich dann zu „entfreunden“ und ich habe schon öfter geäußert, dass man in meinen Augen alles sein kann, aber bitte kein AfD-Wähler. Meine menschliche wie politische Haltung ist den meisten Menschen, würde ich sagen, klar.

In der Sendung wurde, u.a. von Smudo, darauf hingewiesen, dass Follower, also Reichweite, heutzutage einen Wert, eine Art Kapital darstellen. Selbst bei kleinen Instahasen und Bloggerettes wie mir ist das so. Und meinen eigenen „Wert“ mit der Hilfe von Homophoben und Rassisten zu steigern kommt mir falsch und verwerflich vor. Aus diesem Grund habe ich auch ein Bild gepostet, mit der Bitte mir zu entfolgen, wenn man glaubt, es gäbe wertvolle und weniger wertvolle Menschen, es solle ruhig in jeder Hinsicht einen tiefen Graben zwischen Arm und Reich geben und es gäbe für Gewalt gegen und Diskriminierung von Andersartigkeit eine schlüssige Begründung. Was dann allerdings passierte, beschäftigt mich gerade sehr. Und um ein bisschen ausführlicher darauf einzugehen, habe ich mich entschlossen, ein paar der Vorwürfe mit denen ich ich in den letzten Stunden (während ich eigentlich  nur bei Ikea Gardinen kaufen wollte) konfrontiert sah und ein paar der konstruktiven Gedankenanstöße zum Thema hier aufzuschreiben, bzw. meine Meinung dazu.

„Ich glaube wir sollten uns lieber damit auseinandersetzen. Nur mit Ablehnung und Distanzieren werden wir sie nicht los!“

Meine Meinung: Das stimmt definitiv. Meines Erachtens braucht es beides. Klare öffentliche Positionierung und das Aufeinanderzugehen und den Diskurs. Für mich war und ist, das habe ich auch nochmal in der Story gesagt, Instagram kein so guter Ort für eine derartige Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Haltungen. Zu einfach ist der Ausstieg aus einer Debatte, wenns anfängt weh zu tun zu oberflächlich bleibt es oft in den Inhalten. ABER ich kann einräumen, dass auch vielleicht an dieser Stelle mehr Engagement meinerseits nötig ist. Vielleicht muss ich mich von dem Gedanken der tiefgreifenden Diskussion verabschieden und einfach alle Menschen da draussen, die mich sehen wollen, mitnehmen und ihnen mein Menschenbild und meine Weltoffenheit auf andere Weise näher bringen. Die Welt mit meinen Augen sehen, ist ja etwas was gerade das Format Instagramstories möglich macht. Allerdings ist mein Lebensumfeld zumindest an der Oberfläche sehr homogen. Wie sehr scheint meine Weltoffenheit denn dann durch? Ich weiß es nicht.

Trotzdem glaube ich immer noch, dass es auch mal gut ist, klare Kante zu zeigen. Denn so, und das hat mit der Tag heute bewiesen, kommen die Diskussionen ja erst auf und ins Rollen. Ich habe heute mehr und stärker politisch diskutiert, als in vielen Wochen davor. Und die, die ohnehin gar nicht diskutieren wollen, die können gehen. Dabei bleibe ich.

„Für und Wider? Bei Rechten ein „FÜR“?

In meiner Story habe ich davon gesprochen, in Gesprächen mit Nazis das „Für und Wider“, also die Argumentation des jeweils anderen anzuhören und sich aktiv damit auseinanderzusetzen. Für einige war es nicht nachvollziehbar, was ich an dieser Stelle mit „FÜR“ meinen könnte. Was glaube ich denn, was FÜR Gewalt spricht? Nichts natürlich, aber ich rede auch nicht ausschließlich von gewaltbreiten Glatzen in Springerstiefeln, sondern auch von der Bäckereiverkäuferin und dem Lehrer, die ohne aktiv Gewalt auszuüben rechtes Gedankengut teilen und verteilen. Alle diese Leute sind, denke ich, nicht einfach so so, sondern könnten einen Grund nennen oder haben einen ohne ihn zu kennen, warum sie sich von Andersartigkeit bedroht fühlen und diese ablehnen. Sei es nun Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Körperform oder irgend etwas anderes. Ich will damit nicht sagen, dass diese Gründe nachvollziehbar und/oder verständlich sind oder gar als Rechtfertigung dienen können, aber es ist wie bei jedem Problem: Nur wenn ich deine Gründe und Argumentation kenne, kann ich darauf auch adäquat entgegnen.

„Ich bin nämlich nicht tolerant Menschen gegenüber die was gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften, …, Menschen mit Migrationshintergrund ..andere Hautfarben haben! Da bin ich diskriminierend!“

Ja, ich verstehe das und ein bisschen ist es ja auch das was ich über mich ausgesagt habe, mit der Teilnahme an der #unfollow Aktion. Aber, das ist ja tatsächlich ganz großartig reflektiert, hat diese Leserin recht, wenn sie sich selbst damit als aktiv Ausgrenzenden erkennt. Das ist etwas, dass wir als die großartig toleranten und weltoffenen Menschen uns ja auch mal vor Augen halten müssen. Wir grenzen auch aus. Nur auf andere Art und Weise und andere Gruppen.

„Ich glaube ich habe ein Problem mit der Gruppenbildung bei der Aktion. Wir die Guten, ihr die bösen Nazis!“

Ja, definitiv mein Fehler. Also nicht nur in Hinsicht auf die Aktion, sondern auch so haltungstechnisch im Ganzen, vermute ich. Ich komme mir schon „besser“ vor, weil ich solche Gedanken nicht hege. Also rechte. Das ist für mich die erstrebenswerte Geisteshaltung, welche ich bereits habe und andere müssen da erst hinkommen. Klingt selten bekloppt, aber ich hoffe ihr wisst, was ich meine. Wenn ich etwas durch die öffentlichen und nicht öffentlichen Diskussionen zu dem Thema in den letzten Wochen/Monaten/Jahren gelernt habe, ist aber auch, das ich mich immer wieder selber reflektieren muss. Das ich als weiße, priviligierte, heterosexuelle Frau nicht für jede Form von Diskriminierung die Grenze ziehen kann bzw. festlegen kann, aber wann es diskriminierend ist. Das kann ich selbst für die Bereiche nicht, in denen ich selbst schon diskriminiert worden bin.

„…Mit Rassisten diskutieren ist, wie mit einer Taube Schach spielen!…“

Ich glaube die meisten haben schon mal diesen „Ach, bringt doch eh nix!“-Gedanken gehabt, aber: Resignation können wir uns an dieser Stelle nicht leisten! Ganz und gar nicht. Wir müssen eine Ebene für den Diskurs aktiv suchen und finden und müssen unsere Themen, Fakten, Ansätze, Ideen auf den Tisch werfen und konstruktiv daran arbeiten, eine vielfältige und tolerante Gesellschaft zu ermöglichen.

„Ich positionere mich gegen jedwede Form der Diskriminierung!“

Das habe ich jemandem geschrieben. Wenn ich es so betrachte, dass ich mich gegen jede von einem Menschen gegen einen Menschen ausgeführte/ausgesprochene Form der Diskriminierung positioniere, dann finde ich die Gruppenbildung dabei minimal. Es geht um Menschen und um weit mehr als die politische Haltung bzw. Meinung. Ich räume ein: Gern würde ich an dieser Stelle von einer 100 prozentigen Ausrichtung sprechen, aber leider läster ich ja auch schon mal. Und das ist eben auch schon mal Diskriminierung. Hinter vorgehaltener Hand. Und das macht es ja noch schlimmer. Die menschliche Würde ist in so vielen Hinsichten angreifbar. Daran sollten wir öfter mal denken.

 

Mein Fazit

Ich glaube nach wie vor, dass ich auf Instagram nicht diskutieren MUSS und mich positionieren  DARF. Trotzdem werde ich öfter versuchen diesbezüglich anders zu handeln, als ich es bislang tat. In meinen Augen wichtiger, aber auch herausfordernder, wird es sein, sich im echten Leben und Umfeld Diskussionspartner zu suchen und diese Diskussionen auf Augenhöhe auszuhalten. Und zwar aktiver und häufiger als ich es jetzt tue. Schwierig fand ich es, wie stark rüde ich teilweise in Ton und Wortwahl  angesprochen wurde ( nicht in den genannten Nachrichten). Und tatsächlich war es nicht ein einziger Mensch der sich als „Rechter“ outete, sondern vornehmlich Menschen. die eine Haltung vertreten die meiner ähnlich oder zuzuordnen ist. Die waren in den Reaktionen auf meine erklärende Instastory sehr angreifend und bestätigten das, was viele andere eingebracht hatten. Es gibt so stark verhärtete Fronten, dass kaum noch Diskurs möglich ist. Das ist nicht gut. So sehr das Thema polarisiert, keinem ist geholfen wenn wir die moralische Klatsche rausholen und auf die Gegenseite undifferenziert eindreschen.

Was mich interessieren würde, wäre, wo ihr aktiv in den Austausch geht. Wo engagiert ihr euch vielleicht für politische Bildung? Wo habt ihr in einer Diskussion schon mal einen Sinneswandel erreichen können oder wo auch nicht?  Habt ihr schon mal vom Bündnis für Demokratie und Toleranz gehört? Ich habe da noch ein bisschen was zu lesen für die nächsten Tage, denn die unterschiedlichen, emotionsgeladenen Antworten heute haben mir die Brisanz des ganzen Themas wieder einmal deutlich aufgezeigt. Danke dafür an alle netten und auch die nicht so netten Zuschriften, an die, die sich viel Zeit genommen haben oder wenigstens etwas, um mit mir zu texten und an alle, die mit gutem (besserem ;-)) Vorbild voran gehen.

Liebste Grüße

Vanessa

 

 

 

 

 

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3 Comments

  • Reply
    Maren
    11. November 2018 at 10:17

    Danke für deine guten und klaren Worte und dafür, dass du dich dieser Diskussion widmest – nicht, dass ich was anderes erwartet hätte, aber Spaß sieht ja schon anders aus. Ich kann der Forderung nach Toleranz für Intoleranz gar nichts abgewinnen und die Behauptung, das wäre nun alles Diskriminierung, nicht nachvollziehen. Es geht ja nicht darum, die AfD-Omi an der Supermarktkasse umzuschubsen oder so etwas, sondern darum, seinen Social Media Kanälen ein Aushängeschild zu verpassen, dass dort kein Ort für Menschenfeindlichkeit ist. Und es geht darum, Grenzen zu ziehen, bis wohin Diskurs stattfindet und wo er ganz klar aufhören muss – und gerade das finde ich in einer völlig verschobenen Diskussionskultur, in der Rechte zu besten Sendezeiten in Talkshows ihren Rassismus erläutern, sowas von wichtig.
    Liebe Grüße
    Maren

  • Reply
    Nic {luzia pimpinella}
    11. November 2018 at 12:03

    Meine liebste Piepenkötti,

    das hast du wunderbar aufgeschrieben. Ein schwieriges Thema und eins mit sehr viel Zündstoff, selbst unter denen, die eigentlich der gleichen Meinung sind. Das fand ich auch sehr verblüffend.

    Ich finde eben auch immer „der Ton macht die Musik“, nicht nur bei solchen Aktionen, sondern auch in der Diskussion darüber. Da gab es bei mir im Feed GsD kaum Entgleisungen. Aber ich hatte sie tatsächlich erwartet.

    Ich drück dich.
    Nic

  • Reply
    Sabine
    11. November 2018 at 13:28

    Liebe Vanessa,
    dem ist nichts hinzuzufügen! Ich versuche einfach immer Toleranz vorzuleben. Die Gelegenheit mit Andersdenkenden sachlich zu diskutieren hatte ich leider noch nicht, da Diese meist gar nicht sachlich und mit wahren Argumenten diskutieren können und stattdessen lieber das Weite suchen. Aber ich bleibe dran.
    Lg Sabine

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