Herz/Kopf/Blog: Hosen runter, Frau Piepenkötter! Wohin geht die Reise?

Frau Piepenkötter I Wo geht die Reise hin?

Heute muss ich schreiben, ganz ungeplant, weil ich als erstes und einziges heute früh den Artikel von Johanna Pinkepank gelesen und gefeiert habe und er etwas aufgreift, dass mich selbst nur allzu sehr beschäftigt. Aber wo fange ich an? Und wie fange ich das was ich jetzt schreiben will an, ohne mich selbst zu untergraben? Wie soll ich euch sagen, dass ich den Kindern heute früh eine aufgeschnittene Fertig-Frikadelle aus dem Kühlregal und saure Gurken mit zur Schule gegeben habe, weil nichts anderes da war? Das wir seit Wochen ständig TK-Dinoschnitzel essen, weil ich es nicht geregelt kriege einzukaufen oder gar mir zu überlegen was ich kochen will? ( Hallo Frau Piepenkötter? Was ist mit deinem Speiseplan?). Das wir im Schlafzimmer Wollmäuse haben die der Größe nach einen Doppelnamen vertragen könnten? (Hallo Frau Piepenkötter? Was ist mit ihrem Putzplan?) Das ich es wochenlang nicht geschafft habe dem Kind eine neue Krankenkassenkarte zu besorgen, der Wisch für die Bestätigung der Familienversicherung hier schon dreimal von der Krankenkasse angemahnt wurde, ich seit Monaten nicht geschafft habe den Termin beim Zahnarzt/ Frisör zu machen, ich manchmal nicht weiß, wo die Kinder sind und wann sie wiederkommen…. Neulich haben wir vergessen mit dem Hund Gassi zu gehen. Ich habe das große Kind viel zu spät bei der PlanB Schule anzumelden und weiß schon lange nicht mehr, wer wann welche Klassenarbeiten schreibt. Und das, obwohl ich es ja so viel besser weiß. Ich ja auch darüber geschrieben habe. Ich am Fließband augenscheinlich kluge Kommentare dazu abgebe. Und es selbst so versammle. Wie soll man mich dann noch ernst nehmen? Ich hoffe ja eher, dass Menschen die bis hier her gelesen haben, nicht noch das Amt verständigen.

Echt ist mehr als nur ne Teenieband aus den 90ern

Ich hab das jetzt alles trotzdem geschrieben und werde auch den Rest aufschreiben, weil es im echten Leben eben so ist. Weil man trotz besseren Wissens mal wieder in alte Gewohnheiten rutscht und weil man nicht alles mit einer anderen Haltung und ein bisschen Selbstliebe ausmerzen kann. Isso.

Was hat dann also dieses alles gebracht, fragt ihr euch bzw. mich. Die Kur, all die Erkenntnis, alles was daraus resultierte. Wenn doch jetzt quasi alles so ist wie vor einem Jahr. Nur komplizierter. Und ich sage euch, dass es trotzdem viel gebracht hat, denn ich weiß sehr genau, was ich vom Leben will. Nur noch nicht wirklich, wie ich dahin komme.

Willkommen in “The perfect Life of Frau Piepenkötter”

Alles was ich will, lässt sich in meinen Augen erreichen. Eigentlich. Es ist nichts Abgehobenes dabei. Denke ich. Ich möchte Zeit für meine Kinder haben, meine Familie. Ich möchte ein Brot backen können, ein Buch lesen, ab und an mal einen Kaffee trinken gehen. Ich möchte arbeiten, aber zu verlässlichen Zeiten und in einem Rahmen, der noch ein Leben drum herum zulässt. Damit meine ich meine Erwerbstätigkeit und alle Dinge drum herum (Mental Load. You know?). Das wünsche ich mir für mich. Und ich wünsche mir für meinen Partner, dass er ebenso ein ausbalanciertes Leben hat, das glücklich macht. Ihn. Mich. Uns. Im Klartext heisst das, ich möchte meinen Beruf an den Nagel hängen, obwohl ich ihn liebe. Ich möchte texten, schreiben, nochmal studieren, Krippen beraten und bloggen. Und Brot backen. Vergessen wir das Brot nicht! Manchmal, wenn ich wie so oft nachts wachliege, stelle ich mir das alte leerstehende Haus von Bauer Rust, gegenüber des Bullenstalls vor. Ich habs renoviert. Es hat Büros, nen Raum für Veranstaltungen, eine Küche und einen Obstgarten. Es ist der ländlichste aller Co-Workingspaces, hat zwei Gästezimmer die man über AirBnB buchen kann und ist Hauptsitz meiner Beratungsfirma für Kindertageseinrichtungen und Familien. Hier sitze ich und blogge, studiere “Angewandte Psychologie” im Fernstudium und bringe Menschen zusammen. Familien, pädagogische Fachkräfte, Leute die mal raus müssen, Leute die nicht allein arbeiten wollen. Hinten im Garten spielen die Kinder der Co-Work-Kolleginnen und Kollegen, am Abend ist eine Hebamme im Haus und macht Geburtsvorbereitung, am nächsten Tag kommt ein Kita-Team zur Fortbildung ins Haus. Mittags kochen wir gemeinsam Suppe. Wenn es mir mal zu laut oder zu eng wird, geh ich auf einen Kaffee rüber in den Bullenstall oder ich fahre auf dem Rad nachhause. Fehlt halt nur die ein oder andere Million und das Bauer Rust verkaufen wollen würde 😉

Es gibt für dieses Leben wohl kein Navigationsgerät. Leider!

An diesem Punkt war ich auch nach der Kur bereits. Und kurzzeitig erwog ich meine Bedenken über Bord zu werfen und meinen Job zu kündigen um mich vorerst voll aufs Schreiben zu verlegen. So allgemein, vielleicht auch was Fachliches und auf dem Blog. Ich setzte mir eine Deadline. Oktober. Bis dahin wollte ich mich so richtig reinhängen um den Karren zum Laufen zu bringen und dann den Absprung zu schaffen. Seien wir mal ehrlich! Was ich jetzt verdiene, so knapp 1300 Euro netto, ist nicht die Welt. Das wird man wohl auch noch irgendwie anders zusammenkriegen. Vielleicht ein 450 Euro Job und dann …….. Am Ende meiner Deadline wechselte der Mann den Job. Das war finanziell sehr gut für uns (obwohl weniger Kohle, weil er halt überhaupt Arbeit hatte nach der Werksschließung), aber belastungstechnisch machte es leider nichts besser. Denn was im Schichtdienst noch an Arbeitsteilung möglich war, rutschte nun langsam aber sicher auf mich zu. Wie eine kleine feine Lawine aus Alltagsaufgaben. Trotzdem ging einen Schritt weiter und begann meine Krippenberater-Ausbildung (geht noch bis 2020) und launchte das Kita-Magazin (welches dann sehr kurze Zeit später wieder brach lag). Allerdings war das dann ja Mehrlast, statt Entlastung. Und die Zeit die ich in das Schreiben bzw. den Blog stecken wollte….tja….. Es gab Angebote. Eine Agentur wollte mich in geringem Umfang als Texterin für die betreuten Unternehmensblogs. Aber ich konnte nicht abschätzen, wieviel Zeit ich dafür haben würde, neben dem Kita-Job. Das kann ich nie. Unternehmen fragten an, ob ich mit ihnen kooperieren wollen würde und ich sagte allen ab, da es sich entweder um einen Riesen Aufwand für minimale Entlohnung handelte, es Sachen waren die gefühlt nicht in mein Leben passten und überhaupt, weil ich einfach nie sicherstellen kann, dass da regelmäßig Leute auf diesen Blog gehen, weil ich nie sicherstellen kann, dass da regelmäßig Content aufzufinden ist. Und so habe ich im letzten Jahr genau eine Kooperation gemacht, einen Text als Auftragsarbeit geschrieben, drei Wochen lang bemüht und des Nachts ein Kita-Magazin mit Inhalt gefüllt und das wars. Jetzt gerade scheint mein Alltag auch ohne das kaum zu bewältigen. Und so wird’s halt nichts.

Den Arsch an die Wand, sagt se…

…und macht es selber nicht. Stimmt! Ich könnte auch einfach kündigen und mal den ganzen Tag lang versuchen ein echter Autor von irgendwas zu sein. Aber ich trau mich nicht. “Weil der Mann noch in der Probezeit ist!” nutze ich gerade als Ausrede, aber wahr ist, dass sich auch danach nichts ändern wird. Weil ich sehr sehr sehr große Angst habe, dass an die Wand zu fahren. Das ich eben nicht zeitnah nen tausender plus Steuern und Krankenversicherung zusammen kriege. Das ich die Bequemlichkeit des Jobs vor Ort aufgebe gegen einen schlechteren, weil es dann doch nicht läuft. Und weil ja eh keiner mehr Blog liest. Und weil Selbstständig ja selbst und ständig heisst. Und weil es so viele gibt die können, was ich kann. Und dann auch noch besser. Und trotzdem weiß ich, so wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Und was machen wir nu?

Ich applaudiere also Johanna und beneide sie und Andre um ihren Mut und ihre Geradlinigkeit. Und ich denke an die Psychotante aus der Kur die mir sagte “Warum machen sie das nicht einfach? Einen Job als Erzieherin kriegen sie ja wohl problemlos immer wieder! Gerade heute!” Warum kann ich große Reden schwingen und andere als Cheerleader motiviert in ein besseres Leben klatschen ohne selbst auch nur ein Stück dieses Mutes, dieser Bereitschaft zur Konsequenz zu haben? Was würdet ihr machen? Gehen? Bleiben? Wagen? In Sicherheit wiegen? Ein paar der besten Dinge die mir in meinem Leben widerfahren sind, waren ungeplant und sahen erst so aus, als würden sie die Situation verschlimmern statt verbessern. Wäre das jetzt auch so? Wäre es anders?

Trotzdem…

Ich bleibe dabei. Macht euch klar, welches Leben ihr führen wollt. Und schaut ob es einen Weg dorthin gibt. Es muss ja kein direkter sein. Ich muss jetzt einfach für mich schauen, wieviel zusätzliche Strecke und Umwege ich bis dahin noch machen kann, ohne das der Motor schaden nimmt. Aber ich starte. Wenn auch erstmal mit dem Fahrrad. Und nochmal Danke an Johanna. Mut steckt an! Und das wäre der erste Infekt in diesem Jahr, den ich mal wirklich gebrauchen kann.

Liebste Grüße,

Vanessa

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6 Comments

  • Reply
    Steffi
    27. Februar 2019 at 11:26

    Stark, Vanessa. Deine Zukunftswünsche sind ja klar formuliert. Den tatsächlichen Mut dafür wünsche ich Dir. Der kommt aber nicht von außen. Nur aus Dir.
    Liebe Grüße
    Hausfrieden

  • Reply
    Sophia
    27. Februar 2019 at 14:22

    Ein schöner Text mit so viel ehrlichen Worten, die ich alle nachvollziehen kann, weil es mir ganz ähnlich geht. Ich wünsche dir ganz viel Mut für deinen Weg, wie auch immer er aussehen mag.
    Viele Grüße!
    PS: Ich hab deinen Text auf der Spieldecke liegend gelesen und hatte einen famosen Blicks unter Sofa. Status hier: Großer Wollmäuse-Alarm!

  • Reply
    Barbara
    27. Februar 2019 at 23:40

    Schreiben kannst du! So echt und ehrlich kommt es rüber. Ich verstehe dich gut und hab schon öfter vor Situationen gestanden, wo ich vor lauter Zukunftsängsten nicht mehr weiter denken konnte. Der Boden unter den Füßen wegging. Plötzlich Witwe mit vier Kindern in der Schule, ohne Job und ohne Rücklagen. Aber dann kam immer das Universum und hat mir irgendwie gezeigt, dass der Weg weiterging. Jetzt nähere ich mich der Rente und habe das Dilemma: sparen und einschränken? Weniger Lebensqualität und sparen für den Pflegefall mit 90? Wenn ich aber schon viel früher den Löffel abgebe und meine letzten guten Jahre vor lauter Angst nicht mehr genieße? Was tun? Aber ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl und aufs Universum, irgendwie werde ich das Richtige finden. Und du auch, da bin ich ganz sicher!!

  • Reply
    Anika
    28. Februar 2019 at 01:44

    Ich bin dabei. Beim pädagogischen CoWorking- Space, der Kita- Beratung… Das klingt super. Wir träumen ähnlich… 🙂
    Liebe Grüße, Anika

  • Reply
    Susanne
    28. Februar 2019 at 21:54

    Ja, das ist schwierig – einfach, weil da ja auch zwei Kinder sind und damit eine Verantwortung besteht. Und dann der neue Job des Mannes…
    Ich habe mich vor einigen Jahren, als die Klinik, an der ich gearbeitet habe, geschlossen wurde, selbstständig gemacht. Mann war damals ebenfalls selbstständig, also wenig Sicherheit. Aber eben keine Kinder, beide mit Studium, erst Mitte 30 – überschaubares Risiko. Trotzdem oft schlaflose Nächte und auch mal nicht so tolle Phasen.
    Und jetzt läuft es schon seit Jahren beruflich super, sowohl vom Finanziellen als auch vom Inhaltlichen viel besser als an der Klinik. Die Baustellen werden zwar nicht weniger (Betreuung der seit 4 Jahren verwitweten und hilfebedürftigen Mutter, der Mann die Woche über in einem neuen Job 160 km entfernt…), aber die Zufriedenheit mit meiner Arbeit und der Entscheidung zur Selbstständigkeit ist immer da und trägt mich auch durch nervige Tage.
    Klar braucht man Mut – eine vorausschauende und möglichst viele Faktoren betücksichtigende Entscheidung ist aber auch nicht schlecht. Dein Bild, erst mal mit dem Fahrrad zu starten, langsamer und nachhaltiger, finde ich daher sehr passend 😉
    Alles Gute für dich!

  • Reply
    Anja
    3. März 2019 at 10:22

    Liebe Vanessa!
    Ich mag deine Texte so sehr. Manchmal denke ich, wie alle anderen Menschen ihr Leben so toll auf die Reihe bekommen, außer mir, ist echt beschämend. Haben die nicht mit Krankheiten, Geld, pflegebedürftigen Angehörigen, Selbstzweifeln, Schicksalsschlägen, Unzufriedenheit, Antriebslosigkeit usw. zu kämpfen? Dann lese ich deine Texte. Ehrlich. Real. Echt. Das Leben eben.
    Das tut gut und motiviert gleichzeitig, wieder etwas zu ändern und positiv in die Zukunft zu schauen.
    Danke dafür!
    Und ich bin froh, dass du noch immer Blogposts schreibst. Samstag und Sonntag lese ich zum Frühstück gerne Blogs.
    Liebe Grüße,
    Anja

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