Internet, wir müssen reden: Die Inszenierung des Alltags oder Whaaaaat????

(Disclaimer: Dieser Beitrag kann Spuren von Frustration und altersbedingter Starrköpfigkeit beinhalten. Die ausschlaggebenden Ereignisse sind absichtlich nur schemenhaft umrissen, denn mir wurde dieser Frust nicht absichtlich erzeugt. Was jeder Leser mit dem hier geschriebenen anfängt, bleibt ihm selbst überlassen. Sind ja alle schon groß. Hoffe ich.)

Inszenierung des Alltags. Das ist ja wieder eine hinreißende Überschrift. Google wird sie lieben und ihr vielleicht auch, aber viel besser vermag ich nicht auszudrücken, welch Gefühl sich mir da aufdrängt, wenn ich an diese Thematik denke. Aber gehen wir mal dahin, wo alles (oder eben dieses) begann:

Montagmorgen bei Piepenkötters

Ich trinke nen Kaffe. Okay, vielleicht ist es sich schon der zweite, aber da die ja mittlerweile ohne Koffein sind, zählt das ja nicht wirklich. Das Baby schläft den ersten Vormittagschlaf und ich mache das, was man als selfcare-nde Mutter der Neuzeit eben tut: Ich übersehe die Rest vom Frühstück, den dreckigen Fussboden, die fertige Waschmaschine und davor liegende eben nicht fertige Wäsche, die Notwendigkeit beim Kieferorthopäden anzurufen und auch alle sonstigen Notizen auf der Todo Liste und pimmel bei Instagram rum. Ihr kennt das!

Die achso wunderschön heile Instawelt…

Während ich durch den Plüsch fremder Wochenenden scrolle und wieder ein bisschen den chronologisch geordneten Instagram-Feed von früher vermisse, kommt mir ein Bild vor die Flinte, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ich möchte nicht allzu detailliert auf das Bild eingehen, denn mir ist nicht an Wiedererkennung gelegen. Die Person die es gepostet hat, hat ja nichts verkehrt gemacht und auch sicher nichts böses im Sinn gehabt, aber bei mir hat es etwas angestoßen.

Wir sitzen ja alle in einem Boot. Nur manche halt aufm Sonnendeck und manche im Maschinenraum.

Thematisch ging es , auch im Bildtext, um Montage. Um das Chaos, das Wochenende-Ende, den Wiedereinstieg in den Alltag, um die Hausarbeit, das Liegengebliebene und darum, dass es das eben bei uns allen gibt und wir alle nur mit Wasser kochen. Soweit so gut. Oder sogar “Soweit hervorragend” denn genauso ist es ja. Instagram bildet nur einen Minimaleinblick in die Lebensrealität der Menschen ab. Und wir haben alle unsere Aufgaben und Probleme. Nicht alle die gleichen, aber jeder hat jeden Tag sein Päckchen zu tragen und darüber kann auch mal gesprochen werden. Geteiltes Lied ist halbes Leid. Genau meine Denke.

Dann war da allerdings dieses Bild. Auf dem war, laut der Fotografin, Haushaltschaos zu sehen. Ihr Haushaltschaos. Und, entschuldigt meine forsche Vermutung, dieses Chaos war gestellt. Erstmal sah ihr Chaos aus, wie meine Ordnung. Das dies nicht schwer ist, räum ich unumwunden ein. Aber diese Unordnung war farblich abgestimmt und drapiert. Die Wäsche warf perfekte Falten, harmonierte farblich miteinander in schönsten Naturtönen, der Korb war ein Designerteil und kein Vergleich zu meinem grauen Plastikungetüm. Das Licht war schön und bescherte dem Bild eine wunderbare Stimmung. Genau eine Schranktür war genau 2 Millimeter weit geöffnet. Offen ohne Einblick zu ermöglichen. Perfectly imperfect. Was für eine Scheiße!

Es ist nicht so wie sie denken!

Man möge mich an dieser Stelle nicht falsch verstehen. Ich will gar nicht, dass die Leute ihre dreckigen Geschirrberge posten. Kleiderschränke bei denen mehr davor, als darin liegt. Esstische auf denen genug Zeug für ein mittelgroßes Hochregallager liegt. Mehr Realität auf Instagram und so. Geschenkt!!! Ich schau mir ja auch lieber die hübsche Küche aufgeräumt und im Ganzen an, als eingetrocknete Reste von Linsensuppe auf der Nahaufnahme vom Spülbecken. Aber WENN sich jemand bemüßigt fühlt, eben diese Realität abzubilden und mit seinen Lesern/ Follower zu teilen, die ungeschminkte Alltagswahrheit für ein wohliges Gemeinschaftsgefühl “Wir sind alle gleich”, dann doch bitte die echte Realität und nicht ihre bis zum Erbrechen gefilterte und sandbeige eingefärbte kleine Schwester. Das ist in meinen Augen nicht richtig. Inkonsequent. Unehrlich. Dann doch bitte lieber lassen! Bitte lieber polierte Küchenböden und weiße Hochglanz-Wohnzimmer. Aber bitte nicht das Gefühl vermitteln, dass bei anderen sogar die Unordnung schöner ist, als bei unsereins.

Gelackt bis zum Untergang. Ist das das neue Schwarz?

Wo sind wir hingekommen? Was kommt als Nächstes? Jagen wir den ganzen Biomüll aus Stylinggründen nochmal durch den Spiralschneider und bügeln den Inhalt der Papiertonne auf? Wir Rüschen unsere Buden auf, das Essen, die Kinder, die Männer, Hunde, Katzen, Oma und Urlaube. Wir drapieren Blumen im Garten noch am Busch um das perfekte Foto für den perfekten Eindruck zu machen. Wir legen einen Beautyfilter über unser Leben und unser Feintuning wird immer feiner, detaillierter, umfangreicher. Wir präsentieren ein Leben, dass wir eigentlich gar nicht führen mit dem einzigen Ergebnis, das wir für andere die Latte an der sie ihren eigenen Alltag messen noch viel höher und unerreichbarer legen. Schlechte Gefühle included. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass es auch bei diesen Menschen durchgelaufene dreckige Einzelsocken in Sofaritzen gibt. Und wenn es nur einmal in zehn Jahren ist.

Nicht mit mir!

Für mich ist mit hübsch arrangierter Unordnung das Ende der Fahnenstange erreicht. SOOO schön ist mir zu schön. Wenn das Instagram 2020 und seine Zukunft ist, dann bin ich jetzt offiziell raus und ein Teil der Gegenbewegung. Eine von den “alten Instagram-Omas”, die einigermaßen ordentliche Bilder im Feed hat und wenns sie überkommt auch mal echtes “echtes Chaos” in den Stories zeigt. Oder eben nicht. Aber niemals nie nicht so richtig mit geschniegelter Pseudo-Unordnung.

Eine Bitte noch…

Lasst euch nichts einreden! Auch Kinder von hochglänzenden Insta-Familien machen sich mal dreckig, haben Rotz anderen Nase und vergessen 6 lange Sommerferienwochen ihre Brotdose im Ranzen. Auch auf arschteuren Designertischen in minimalistischen Wohnzimmern werden mal von klebrigen Rotweinglasabdrücken verziert und ist großzügig mit Chips- und Erdnusskrümeln besudelt. Wäschekörbe können aus hässlichem grauen Plastik sein und Sofadecken vom Typ “scheißhässlich, aber so gemütlich”. Es wird sich schwerlich ein Haushalt finden, in dem es niemals nie Spinnweben gibt, die leere Klopapierrolle umgehend ersetzt wird und in der Spüle nie dreckige Gläser stehen. Auch bei den anderen bleibt die Wäsche liegen, ist Sonntagabend plötzlich alles Brot und Toastbrot alle, vergammeln die kernlosen Bio-Weintrauben im hintersten Kühlschrankfach und fällt Dienstag gegen 16 Uhr auf, dass das Kind schon um 15 Uhr samt Geschenk auf nem Geburtstag sein sollte. Wie ich eingangs sagte: Jeder hat sein Päckchen. Jeden Tag. Jeder ein anderes. Manche auch mehr als eins. Schön ist es dann, wenn man das sehen, anerkennen und sich gegenseitig unterstützen kann. Miteinander. Füreinander. Nicht anders. Niemals anders. In diesem Sinne.

Liebste Grüße

Vanessa

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13 Comments

  • Reply
    Sonja
    28. Oktober 2020 at 08:07

    Das ist ganz großartig geschrieben und so wahr. Danke!

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      28. Oktober 2020 at 19:49

      Danke!

  • Reply
    Angelika
    28. Oktober 2020 at 09:36

    Danke für den tollen Beitrag, kann ich zu 100% unterschreiben, liebe Grüße, Angelika

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      28. Oktober 2020 at 19:49

      Ich freu mich sehr, dass ich damit nicht allein bin.<3

  • Reply
    Nina
    28. Oktober 2020 at 12:29

    !

  • Reply
    Sabine
    28. Oktober 2020 at 14:47

    Word! Mehr braucht dazu nicht gesagt werden ♡

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      28. Oktober 2020 at 19:48

      anke, Sabine!

  • Reply
    Klara
    28. Oktober 2020 at 16:18

    Vielen Dank für diese wunderbar geschriebene, wie auch ehrliche Wutrede. Sie spricht mir aus dem Herzen und auch dem Instagram-Feed. Herrlich!
    Am besten, wenn man schon so in Fahrt ist, ist ein “Ach komm, reg dich nicht so auf!” Doch, muss manchmal sein. Und mir hilft es, damit ich auch ruhig guten Gewissens mal die Kaffeetasse irgendwo stehen lassen kann 😉
    Herzliche Grüße,
    Klara

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      28. Oktober 2020 at 19:48

      Ja, manchmal muss es einfach raus! Dir auch herzliche Grüße!

  • Reply
    Selma
    29. Oktober 2020 at 07:32

    So ein toller Beitrag und so super geschrieben!
    Vielen Dank dafür 🙂

    PS: mein Wäschekorb ist auch grau und aid Plastik 😆

    Grüße aus Wien

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      29. Oktober 2020 at 22:14

      Sehr gern! Liebe Grüße!

  • Reply
    Gabi
    31. Oktober 2020 at 03:46

    Liebe Vanessa, lang lese ich hier bei dir mit, meist leise. Aber heute, heute hab ich so gelacht, da muss ich doch Mal laut danke sagen. Ich mag deine klaren, ehrlichen Worte sehr. Du scheinst mit beiden Beinen im Leben zu stehen, im Echten 😁 ungelackt bis zum Untergang und sehr sympathisch!
    Herzlichst Gabi, auch eine mit ganz echten Staubmäusen und ohne Hochglanz….ne Insta-Oma 😂 giggel

    • Reply
      FrauPiepenkoetter0105
      1. November 2020 at 19:58

      Willkommen im Instagram-Oma-Club!

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